"Konsequent flexibel"

19. Juni 2007, 07:00
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Sissi Closs, mehrfach für Chancengleichheit ausgezeichnete Unternehmerin, im Gespräch mit dieStandard.at

Die Diplom-Informatikerin Sissi Closs machte sich vor 20 Jahren mit der Comet-Firmengruppe selbständig, die heute 80 MitarbeiterInnen beschäftigt. Davon sind rund 60 Prozent weiblich. Zusätzlich zu ihrer unternehmerischen Tätigkeit lehrt sie Informations- und Medientechnik an der Hochschule Karlsruhe. Auf der international besetzten Podiumsdiskussion zum Auftakt des Weltfrauengipfels vertrat sie die Position der deutschen Unternehmerinnen. Das Gespräch führte Sarah-Janine Flocke.

dieStandard.at: Wann ist ein Unternehmen familienfreundlich?

Sissi Closs: Wenn die Mitarbeiter dort in ihren verschiedenen Lebensrollen wahrgenommen und akzeptiert werden. Familienfreundliche Unternehmen richten ihre Strukturen an den Lebenswirklichkeiten ihrer Angestellten aus, anstatt deren Privatleben zu ignorieren.

dieStandard.at: Das klingt erstmal kompliziert. Warum sollten Unternehmen sich diese Mühe machen?

Sissi Closs: Ja, es ist zunächst einige Anstrengung nötig. Aber dann lohnt es sich. Denn die Mitarbeiter sind leistungsfähiger, wenn sie sich nicht zwischen ihren unterschiedlichen Aufgaben teilen müssen, sondern ihre Berufs- und Privatleben integrieren können. Die klassischen Bürozeiten sind nicht familienkompatibel. Wir müssen Arbeit flexibler gestalten.

dieStandard.at: Warum klappt das in vielen Unternehmen trotz guten Willens nicht?

Sissi Closs: Weil nur punktuell Maßnahmen umgesetzt werden. Da erhalten beispielsweise nur Mütter mit kleinen Kindern Telearbeitsplätze oder es wird ein Betriebskindergarten eingerichtet.

dieStandard.at: Das sind doch gute Ansätze, oder?

Sissi Closs: Sie zeigen, dass der Wille zum Umdenken da ist. Aber so ändert sich nichts. Im Gegenteil sind die Unternehmen von halbherzigen Umstrukturierungen schnell enttäuscht, weil sie nicht den gewünschten Effekt bewirken. Die neuen Maßnahmen werden nur hinzugefügt, sie ersetzen die alten Strukturen nicht. Und dieser doppelte Aufwand kostet doppelt. Das macht ein Unternehmen natürlich nicht lange und scheut sich schließlich sogar Bewerber mit kleinen Kindern einzustellen.

dieStandard.at: Warum verfolgen Unternehmen diese Änderungen dann nicht konsequenter?

Sissi Closs: Wir kennen das ja alle. Gewohntes gibt man nicht gern auf. Auch Unternehmen brauchen für eine so tiefgreifende Veränderung, Mut und dürfen den anfänglichen Kostenaufwand nicht scheuen. Besonders große, traditionelle Firmen und Konzerne tun sich deshalb schwer mit flexiblen Arbeitszeiten und Strukturen.

dieStandard.at: Was machen Sie anders?

Sissi Closs: Wir sind mit unseren Strukturen gewachsen. Selbst als ich nur eine Mitarbeiterin hatte, gab es nicht das starre "9 to 5 Modell". Das war manchmal nicht einfach, weil wir keine Vorbilder hatten und uns alle Konzepte selbst erarbeiten mussten. Heute läuft diese Form der Arbeitsorganisation bei uns reibungslos ab. Insofern dienen wir jetzt anderen als Rollenmodell.

dieStandard.at: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Arbeit anders zu organisieren?

Sissi Closs: Nach dem Studium habe ich noch eine zweite Ausbildung zur Tanzgymnastin begonnen und habe in Teilzeit als Informatikern bei Siemens das Schulgeld und meinen Lebensunterhalt verdient. Damals habe ich erlebt, wie effizient und motivierend es ist, die Arbeitszeiten flexibel gestalten zu können. Es war ein Herzenswunsch von mir, das in größerem Stil aufziehen. Vom berufsmäßigen Tanzen habe ich mich dafür verabschiedet.

  • Sissi Closs, Unternehmerin und Professorin für Informations- und Medientechnik an der Hochschule Karlsruhe
    foto: privat
    Sissi Closs, Unternehmerin und Professorin für Informations- und Medientechnik an der Hochschule Karlsruhe
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