der schönste Tag der Woche: Was Joyceianern sofort auffällt

16. Juni 2007, 00:00
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Zum Beispiel, dass in 'Santiago de Compostela' das Wort "Post" enthalten ist - Joyce Roman Ulysses handelt übrigens den Tag des 16. Juni 1904 in Dublin ab

Aufmerksame Leserinnen und Leser werden sich erinnern, dass ich vor einigen Wochen die Vermutung geäußert habe, dass die österreichische Post neuerdings wieder verstärkt auf Zusteller setzt, die Briefe über weite Strecken zu Fuß transportieren. Anlass war ein Poststück, das in Hallwang-Elixhausen an mich aufgegeben wurde und erst zwölf Tage später in Wien einlangte. Da man auf dem Jakobsweg von Hallwang-Elixhausen nach Wien ziemlich genau zwölf Tage braucht, ist also meine Vermutung gar nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick scheinen mag.

Außerdem ist im Namen jenes Ortes, der das Ende des Jakobswegs darstellt – Santiago de Compostela – das Wort "Post" enthalten, was mir als Joyceianer sofort aufgefallen ist. Apropos Joyce: Dieser war auch ein begeisterter Weitgeher und hat als Schüler sogar einige Wettkämpfe in der Disziplin "Gehen" gewonnen. Viel gegangen wird auch im Roman Ulysses, der am 16. Juni 1904 in Dublin spielt und in dessen Mittelpunkt ein gewisser Leopold Bloom steht, weshalb der 16. Juni auch "Bloomsday" genannt wird. Falls Sie sich die Lektüre des 1000-Seiten-Schinkens (aber ein Schinken erster Güte) ersparen möchten, hier die Inhaltsangabe in einem einzigen Satz:

Während seine Frau Molly noch im Bett liegt, verlässt der 38-jährige Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom am Donnerstag, dem 16. Juni 1904, am frühen Morgen sein Haus in der Eccles Street Nr. 7 in Dublin und trifft während seiner Odyssee durch die Stadt nicht nur auf den Schriftsteller Stephen Dedalus, sondern auch auf zahlreiche andere Personen, mit denen er die verschiedensten Abenteuer erlebt und von denen einer um 17 Uhr Geschlechtsverkehr mit seiner Frau haben wird, was Bloom aber nie erfährt. Und dafür braucht Joyce 1000 Seiten? "Yes", wie das letzte Wort des Romans lautet. (Jetzt wissen Sie auch das.) Ende der Abschweifung.

Wir befinden uns also immer noch in Hallwang-Elixhausen, wohin ich mich vor Kurzem auf dem Jakobsweg von Vöcklabruck aus begab. Eingepackt hatte ich ein Büchlein, in dem der Erzbischof von Salzburg, Dr. Alois Kothgasser, schreibt: "Das Unterwegssein, das Wandern, das Pilgern ist ein zutiefst existentielles Geschehen." Vor allem, wenn der Jakobsweg in Eugendorf geradewegs durch eine Neubausiedlung führt, bei deren Anblick man Augenkrebs bekommen könnte. Sie wissen schon: eng aneinander liegende Häuser mit Säulen, Bögen, Giebeln, zwei Garagen, Thujenzäunen – und in jedem Grundbuch steht die Salzburger Sparkasse. Weiters schreibt Erzbischof Kothgasser:

"Ich fühle mich zutiefst als Wanderer und bin froh, daß Gott alle Wege mitgeht." Das bezweifle ich allerdings, denn dass Gott gerne auf Asphaltstraßen wandert, kann ich mir nicht vorstellen. Überhaupt drängt sich nach 60 Kilometern Wanderung der Verdacht auf, dass der Jakobsweg nicht von der Kirche, sondern von der internationalen Asphaltmafia gesponsert wird und man nicht Richtung Santiago de Compostela, sondern Richtung Santiago de Asphaltela unterwegs ist. Uneingeschränkt Recht geben kann man Erzbischof Kothgasser aber, wenn er feststellt: "Zwischen dem Ausgang und dem Ziel liegt der Weg." Buck Mulligan, der zu Beginn des Ulysses auftretende Medizinstudent, würde zu diesen weisen Worten des Herrn Erzbischof wohl sagen: "Großartig ist gar kein Ausdruck, wundervoll ist das, einfach rundum wundervoll." (Kurt Palm/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.06.2007)

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    Lange Postwege über den Jakobsweg?

  • Kurt Palm
    foto: michaela mandel

    Kurt Palm

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