Ein System mit Durchlässigkeit

16. Oktober 2007, 10:57
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Die spanischen Formación Profesional boomen als durchlässiges Berufsausbildungssystem - Fachkräfte werden dringend benötigt

Spanien hat keine FHs per se, aber dank langfristiger Planung und jüngsten Reformen kommt eine einst sekundäre Ausbildungsschiene zu neuem Ruhm: die Formación Profesional (F.P.). "Früher war das für die, die das Bachillerato (Matura) nicht schafften", so Javier Ortiz-Morales (25). Er studierte an der Uni in seiner Heimatstadt Granada, brach ab und versucht nun mit einer hochselektiven Prüfung in die staatliche Verwaltung zu gelangen. Jobchancen nach der F.P. beäugt er fast neidisch: "Es ist der sicherere Weg."

Praxisnahe Ausbildung

Die F.P. sind im Grado Medio (dem mittleren Abschluss) als berufsnahe, teils der Lehre oder HTL ähnliche Berufs- und Ingenieursausbildungen – auch mit Kursen für Gärtner, Köche und Mechaniker – auf zwei Jahre angelegt. Eine Praxiszeit ist Pflicht.

Oft werden Schüler nach dem Praktikum im letzten Studenjahr angestellt – ihre Chancen auf einen Beruf im Fach sind hoch. So hatten z. B. über 80 Prozent der F.P.-Absolventen auf den Balearen im Jahr 2006 binnen neun Monaten nach Abschluss einen festen Job. Spanienweit herrscht ein ähnliches Bild.

Während 1985 nur 2364 Spanier einer F.P.-Ausbildung nachgingen, wurden 2004 erstmals die 200.000 überschritten; kooperiert wird mit mehr als 90.000 Unternehmen, Kurse gibt es flächendeckend mit unterschiedlichsten Schwerpunkten, bis hin zur TV- und Audio-Produktion an über 3000 Schulen.

Isabel Couso Tapia, Koordinatorin der F.P.-Schulungen in Spaniens Provinz Madrid, pocht auf die Wichtigkeit der F.P.: "Die spanische Gesellschaft braucht diese Fachkräfte, um die Lissabon-Ziele zu erreichen", und: "Die spanischen Unternehmen schätzen die Titel der F.P. sehr." Das Stipendienwesen stützt schwächere Schichten. Maturanten oder Grado-Medio-Absolventen können die höheren Titel des Grado Superior anstreben und neuerdings mit Erasmus-Stipendien ihre Ausbildug im Ausland absolvieren.

Charo Gonzáles ist Personalchefin bei IT-Deusto mit Hauptsitz in Madrid. Der Sektor floriert, sie verweist auf knapp 600 Neueinstellungen im Jahr. 82 Prozent ihrer Angestellten sind Uni- oder höhere F.P.-Absolventen. Da Programmierleistungen zur Massenware geworden sind, baue man auf die günstigeren F.P.-Absolventen. Sie werden in Projekte eingebunden und weiter geschult.

Die Jobchancen nach F.P.-Abschlüssen beider Grade bewirken, dass nur wenige F.P.-Absolventen direkt weitere Bildungswege verfolgen. Oft wird erst Praxisluft geschnuppert, wie es Enrique Baiola Fernandéz del Pino (27) drei Jahre lang tat. Seit dem F.P.-Grado-Medio ist er als Gärtner für die Stadt Barcelona tätig, gleichzeitig schloss er seinen Grado Superior zu Gartendesign an der Escuela Téchnica Superior del Clot ab, und hat nun sein Uni-Studium der Topografie begonnen. "Ein Drittel hat man mir angerechnet", freut er sich, und: "Die Stadtverwaltung kommt mir mit der Schichteinteilung entgegen." Vormittags könne er studieren, von 14 bis 22 Uhr werkt er in den Gärten. "Der Grado Superior brachte mir auch einen Gehaltssprung von ein paar hundert Euro im Monat." Ein weiterer wird nach Studienabschluss folgen.

Eine hoch spezialisierte Wissenschaftsausbildung bieten die Escuelas Técnicas Universitarias, die technischen Hochschulen. Etwa den Kurs zum Hafen-, Kanal- und Wegebau im südspanischen Granada. "Wir haben auch ein bilaterales Abkommen mit der TU Graz", erzählt Evangelia Tzirimaki vom Büro für Internationale Beziehungen: "Im Augenblick studieren drei Grazer hier." (Jan Marot aus Granada/DER STANDARD-Printausgabe, 16./17.Juni 2007)

  • Der Zugang zur Universität steht als mögliches Ziel am Ende der Ausbildung in den spanischen Formación Profesional. Sie entsprechen teilweise unseren FHs
    foto: standard/marot

    Der Zugang zur Universität steht als mögliches Ziel am Ende der Ausbildung in den spanischen Formación Profesional. Sie entsprechen teilweise unseren FHs

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