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Glasgow nach Sonnenuntergang.
Aber der graumelierte Herr hatte sie sich zumindest redlich verdient. Immerhin war er soeben bis ins Herz der Gerümpel-Finsternis vorgedrungen - und beschwor Ortsunkundige nun, das besser nicht zu tun. "Keinesfalls hinter den Barras gehen!", setzt er auch mir zu. "Meiden Sie dringlichst die Shipbanks-Eisenbögen um Paddy's Market. Im The Barras geht es ja noch. Bei Paddy's wirft man Gegenstände auf Sie! Für den Fall dass sie nicht kaufen."
The Barras und der angrenzende Brachial-Flohmarkt Paddy's mögen auf den Magen schlagen. Mitunter vielleicht auch auf die Schnauze. Bloß am Gemüse liegt es nicht. So viel gesteht der graumelierte Herr immerhin zu. Allein die angelsächsische Proletarierknolle Kartoffel - am Barras Market eine Sensation! Washed Whities, Frying Dark Soil Chippers, Season's Scotch Potatoes - wie die Ankündigung glasgower Suburb-Rockbands klingt der Kartoffelsorten-Rap der Verkäufer.
Die vor-, früh- und dreiviertelindustrielle Artenvielfalt des Barras-Trödels steht dem um nichts nach: Synthetikteppichrollen und Plastikwrestler im Dauerclinch, das abrupte Schlaglicht sonnig breiten Grinsens inmitten sommersprossiger Gesichter, eine Einladung zum Bingo - alles da. Auch die giftgrünen Schals von Celtic, und wenn es denn sein muss Mann, auch die Fetzen des konkurrierenden Fußballklubs Glasgow Rangers. Mit einer starken Dosis Schieberromantik legen sich die einfachen Lagerhallen dem Freiluftmarkt quer, samt all den Plüschsofas und unverkäuflichem Plunder, der sich hier türmt, auch um wahre Pub-Deko-Schätze in seinen Eingeweiden zu verdauen - nur etwas reparieren muss man die armlosen Puppen und aus dem Leim gegangenen, aber sonst grundsoliden Eichenstühle, die irgendwem, irgendwann einmal um die erhitzen Ohren flogen.
Der Barras Market ist der Nabel der Vorstadt. Ein pulsierender Knoten, von umliegenden Pub-Biotopen in Saft gehalten und gegen die Reinheitsgebote der Globalisierung ziemlich immun. Pinten wie die "Scotia Bar" oder das "The Tolbooth" beweisen das seit Generationen. Ebenso wie das "Saracens Head" an der Gallowgate - Glasgows ältestes Pub. Oder sagen wir lieber: Eines der vielen "Oldest Pub of Glasgow" - zeitresistente Löcher allesamt, die man beim Durchstreifen der ziegelroten Steinschluchten entdeckt, und die ihre festen Regeln und Traditionen haben. Der Junge mit der hochroten Birne scheint soeben einer des "Saracens Head" zu folgen: Indem er am Gehsteig den Kopf in einen bis an den Rand mit Wasser gefüllten Gully steckt. Zur Abkühlung vermutlich, und vielleicht auch, um sich die Haare zu waschen, bevor er zu jener Zärtlichkeit übergehen mag, die man in Barras den "Glasgow Kiss" nennt: Schädelrammen gegen die Magengrube. Schließlich macht die frische Luft, die der Clyde River Glasgow zufächelt, hungrig - und ziemlich stark.
Der Typ mit dem Kopf im Gully war bereits die zweite Warnung, dass Glasgow herrlich schottisches Temperament verströmen kann. Authentischer als das geisterhafte Edinburgh mit seinen blassgrauen Steinkulissen. Weit greller als die rosa Erika-Teppiche, die jeden Sommer Schottlands Highlands zu überrollen pflegen. Dass man in Glasgows proletarischem Osten schottisches Stammesgebiet betritt, das verrieten bereits andere Indizien. Etwa die Ecke Saltmarket: Gleich zwei Viadukte kreuzen sich da über den Köpfen der Taxifahrer, die hier besonders gerne parken. Erstens des Fish Tea im "Val d'Oro" wegen, dem angeblich ältesten Fish & Chips Shop der Stadt - Stichwort: Resopal-Interieur im Stile der Eisdielen der Fifties. Und dann der frischen Muscheln wegen, und also hinsichtlich prolongierter Potenz. Das suggeriert zumindest das Plakat des Fischers mit dem gelben Gummikäppi. " Viagra - who needs it?", spuckt es unter den Eastend-Eisenbrücken große Werbetöne. "Do it all naturale: Oysters. Crabs. Mussels".
Auch Glasgow kommt ohne Potenzmittel aus. Tag und Nacht und seit mittlerweile ein paar hundert Jahren. Auch dann noch, wenn die rauen Töne geschliffener werden, die Ecken feiner gesetzt, man die Lokale nicht mehr vom Boden liegend betrachtet, sondern aus der Perspektive italienischer Designerstühle.
Spaziert man unter dem Rauschen der Vorortzüge Richtung Zentrum, verraten die Arkaden von Merchant City, ehemalige Markthallen viktorianischen Stils, den langen Arm der Westend-Schnösel. Trendige Cafés, Galerien und Lofts haben hier, vor frühindustrieller Kulisse, die Marktschreier abgelöst - während sich ganz am westlichen Ende der Altstadt, an der Ashton Lane, eine ganze mittelalterliche Gasse der künstliche Verpuppung einer Romantik-Flanierzeile ergibt: Klein-Paris, Kopfsteinpflaster und Jazzclubs inklusive.
Die eleganten Marmorstatuen und Farnwälder im gläsernen Kibble Palace, dem neu restaurierten Wintergarten-Showpiece des Botanischen Gartens, und erst recht das Kelvingrove Art Museum - u.a. Hort von Dalis schwebendem Christus - ergänzen solche geschliffenen Facetten der Stadt. Und natürlich die gerecht verteilten Häppchen Big Macintosh. Denn ohne der Architekturikone Charles Rennie Macintosh, der Glasgow einst zur Jugendstilmetropole des Nordens stilisierte, ist keine Stadtvisite komplett. Doch auch hier bleibt blutleere Musealität wohltuend oft im Abseits: Im "The Willows Tea Rooms", einziges Überbleibsel einer Reihe von Teestuben, die Macintosh einst entwarf, kann man heute zum High-Tea live Sandwiches knabbern. Auch Macintoshs "Glasgow School of Arts" gibt sich kein bisschen verstaubt: Dafür sorgt der inmitten des baulichen Arts & Crafts-Juwels fortgeführte universitäre Betrieb.
Doch langweilig war es vor Ort noch nie. Als Macintosh um 1890 über hochlehnige Stühle und eckige Buchstaben nachdachte, hatte man in Glasgow gerade New York fertig gestellt - allerdings minus einem Dutzend Stockwerke. Das später über den Atlantik exportierte rechtwinkelige Straßennetz samt Glasgows amerikanisch aussehender Häuser, die heute als Drehorte für in Boston oder New York spielende Filme herangezogen werden, gelten als stadtplanerische Blaupause für die großen Ostküsten-Städte.
Vor kurzem hat sich die Stadt, nach vorübergehendem wirtschaftlichem Niedergang, wieder neu erfunden: Am Ufer des River Clyde, dem Glasgow immer nur den Rücken zukehrte, kroch gar ein Architektur-Phönix aus dem Uferschlamm: Ein dickes IMAX-Alu-Ei, eine Rakete namens Millenniums Tower, das extrem interaktive Science Museum - ideal für hyperaktive Kinder - und am anderen Ufer ein architektonisches Gürteltier. "Armadillo" tauften die Glaswegians Norman Fosters Conference Center - sein Metallpanzer gilt als neues Wahrzeichen der harten Stadt. (Robert Haidinger/Der Standard/Rondo/15.6.2007)
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