Calle Cuba

15. Juni 2007, 17:00
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Boxen ist in Kuba Volkssport, Zeichen von Männlichkeit und Nationalstolz. In Havanna leben mögliche Meister einer ungewissen Zukunft

Manuel muss nachdenken. Er hat eins, zwei, sechs Geschwister, aber, rechnet er vor, zwei sind von der Mutter und zwei von seinem Vater. Manuel wohnt im südlichen Teil der Altstadt Havannas, der 10-Jährige geht jeden Tag pünktlich gegen 16.00 Uhr ins Centro Sportivo Rafael Trejo, einem Boxcamp in der Calle Cuba. Manuel lacht, er nimmt die Fäuste hoch, er dürfe jetzt schon mit den Gewichten trainieren.

Soll er auch, sagt sein Trainer Nardo Mestre Flores, denn Manuel ist übergewichtig. Ob er je kämpfen wird, ist ungewiss. Flores war neun Jahre in der kubanischen Nationalmannschaft. Er war auch in Deutschland, erinnert er sich, in der DDR. Heute leitet er das Boxzentrum, es ist öffentlich, jeder ist willkommen. "Ich muss hier sogar Blinde unterrichten", sagt Flores müde. Der Ring in der Calle Cuba ist in einem erbärmlichen Zustand - wie das ganze Boxcamp.

Das Centro Sportivo ist eines von 15 Boxzentren, die über ganz Havanna verstreut sind. Boxen ist Volkssport, Zeichen von Männlichkeit und Jugend und nationalem Stolz. Auch Manuel möchte Champion werden, wie seine Vorbilder Mario Kindelán und Odlanier Solís, zwei der fünf kubanischen Box-Olympiasieger von Athen 2004.

Seit 1972 haben kubanische Boxer 32 Goldmedaillen gewonnen, unter ihnen die dreifachen Goldmedaillengewinner Teófilo Stevenson und Félix Savón, beide Schwergewichtler und beide natürlich Amateure. Trotz vieler Versuche war es den Amerikanern nicht gelungen, Savón oder Stevenson von der Insel abzuwerben. Savón wäre einem Kampf gegen Tyson, Stevenson dem Vergleich mit Muhammad Ali nicht abgeneigt gewesen, aber beide lehnten den Sprung ins Profilager ab. "Was sind elf Millionen Dollar gegen elf Millionen Kubaner?", soll Stevenson gesagt haben. Der Satz wird heute noch gerne zitiert. Ein anderer Fall ist Antonio "Puppy" García, nach Angelo Dundee der populärste Boxer Kubas in den 50er-Jahren. García wurde 1961 verhaftet und dann als Regimegegner neun Jahre lang eingesperrt. 1980 verließ er Kuba beim Mariel Harbour Boatlift mit 125.000 anderen Unerwünschten.

Im Ring sparrt Namibia. Sie schlägt und tanzt jeweils drei Minuten, dann eine Minute Pause, dann wieder drei Minuten, eine endlose halbe Stunde lang bei brütender Hitze. Eigentlich ist Namibia Taekwondo-Lehrerin, eigentlich ist Boxen seit der Revolution für Frauen verboten. Es entspricht nicht dem sozialistischen Menschenbild. Aber Namibia darf dennoch. "Sie ist talentiert", sagt Flores. Im Vorjahr hat sie die norwegische Meisterin geschlagen. Ob er "Million Dollar Baby" von Clint Eastwood kenne? Flores verneint, das sei ein amerikanischer Film, und lächelt zum ersten Mal: Den dürfe er doch gar nicht gesehen haben.

Am Eingang hängt ein altes Foto von Kid Chocolate, dem ersten auf Kuba geborenen Weltmeister. Er hat 1931 Benny Bass geschlagen. Auch Kid Chocolate hat schon in der Calle Cuba gearbeitet, und man hat nicht den Eindruck, dass sich seitdem etwas verändert hat. Die Holztribünen sind brüchig, einige Hanteln liegen verstreut auf dem Boden. Sie sind rostig, wie die Halterungen für die Punchbags. "Aber glauben Sie mir", versichert Flores am Ausgang, "wir sind die Besten." Manuel winkt. Er zeigt zwei linke Jabs und schickt eine Rechte als Gruß hinterher.

Von der Calle Cuba sind es nur ein paar Schritte ins historische Zentrum Havannas. Um den Paseo del Prado begegnet man amüsierwilligen Sextouristen und revolutionsnostalgischen Melancholikern, wobei die Unterscheidung beider Gruppen nicht ganz einfach ist. Seit kurzem hat sich noch eine dritte Gruppe, eine Art Totentanz-Tourismus, etabliert. "Ich wollte noch einen Blick auf Kuba werfen", sagt eine Wiener Urlauberin mohitobeschwingt, "bevor Castro-, also bevor sich hier alles ändert."

Was will sie "noch" sehen? Vielleicht die alten amerikanischen Straßenkreuzer, bevor sie von den Straßen verschwinden, vielleicht eine Mangelwirtschaft mit karibosozialistischem Charme, vielleicht die Botegas, die staatlichen Läden mit ihren chronisch leeren Regalen, bevor sie endgültig schließen. La Habana vieja ist die schönste Stadt Lateinamerikas, sie ist in weltbekannt katastrophalem Zustand. Jeden Tag, sagt man, stürzt hier ein Balkon ab.

In der Bar des Hotel Nacional hängt neben anderen Stars der 1930er-Jahre auch ein Porträt von Meyer Lansky, einem der Bosse der New Yorker Mafia, die enorme Summen in das Kuba Batistas gepumpt haben. Einen Gutteil des morbiden Glanzes verdankt die Stadt der Mafia. Flaniert man durch die Gassen, könnte man glauben, dass die revolutionär verwahrloste Altstadt, wenn überhaupt, dann nicht mit öffentlichen, sondern nur wieder mit Drogengeldern aufgebaut werden kann.

Kuba ist bettelarm. Das Monatsgehalt eines Lehrers beträgt rund 350 Pesos Cubanos, rund 15 Euro, aber das sagt nichts. Längst hat sich der Peso Convertible als Zweitwährung etabliert, alles strebt nach ihm und die Touristen haben ihn. Beim Spaziergang am frühen Abend um den Parque Central bekommt man viele Fragen gestellt. Hast du Feuer? Was machst du heute Abend? Hast du einen Lippenstift für mich? Oder ein Stück Seife aus dem Hotel? Man fragt sich, wo an diesem Abend der "Neue Mensch" (Guevara), den die Revolution hervorbringen wollte, geblieben ist, wenn es ihn denn je gegeben hätte, was von dieser Revolution noch übrig ist, die doch angetreten war, um die Würde und die Freiheit der Menschen herzustellen.

Gewiss, ein paar Stunden später werden auf einer Veranda mit Blick auf den Malecón die Antworten bis zum Morgengrauen aufgesagt werden: das US-Embargo, das Helms-Burton-Gesetz, von dem nicht nur kubanische Bankkunden in Österreich ein Lied singen können, sondern ein ganzes Volk; die Ärzte, Lehrer, Apotheken, verstehst du, niemand hungert hier; es ist doch eine Frage der Perspektive, ob man Kuba mit dem Süden - mit Haiti - oder mit dem Norden - den reichen Bahamas - vergleicht. Aber welche Perspektive man auch wählt: Das Wort "noch" liegt ständig in der Luft.

Che Guevara wäre heuer 79 Jahre alt geworden. Sein Konterfei auf unzähligen T-Shirts, Postkarten und Aschenbechern bedeutet nichts mehr. Das Bild zeigt einen jugendlichen Untoten. Der Che darf weder alt noch erwachsen werden, doch er ist jugendlich ermüdet wie die ganze Revolution und ihre Inszenierungen.

Am Che Memorial am östlichen Stadtrand von Santa Clara begrüßen Kinder die Besucher. Sie hängen ihnen rote Tücher um den Hals, küssen sie und überreichen jedem eine Blume. Ein Mädchen hält eine Ansprache, sie beginnt mit den Worten: "In Kuba ist Feigheit ein Fremdwort." Dann wird das Guevara-Lied abgesungen. Die Blumen werden am Denkmal niedergelegt. Während die Besucher im Museum verschwinden, sammeln die Kinder die Blumen wieder ein, sie werden für die nächsten Gäste verwendet.

Gegenüber dem Parkplatz ein Aufruf an die Jugend: "Ihr sollt so sein wie der Che", steht darauf, versehen mit der Unterschrift Fidels. Aus der Ferne sieht das Plakat wie eine Bierwerbung aus. Die Frage, die sich allen stellt, ist, ob es in zwei Jahren immer noch da hängen wird oder nicht. Oder ob es dann tatsächlich eine Bierreklame ist.

Niemand weiß, was sein wird. Auch Manuel Marrero weiß es nicht. Kubas Tourismusminister mit dem fidelen Vollbart ist kein großer Ideologe, aber ein mächtiger Mann. Neben Nickel, Zucker und den Zuwendungen der rund zwei Millionen Exilkubaner ist der Tourismus mit drei Milliarden Dollar jährlich der wichtigste Devisenbringer der Insel.

Marrero schwört auf "All Inclusive" auf den Cayos, den vorgelagerten Inseln Kubas mit ihren blendend weißen Stränden. Auf Cayo Coco und Santa Maria sind durch Joint-Ventures internationale Hotelresorts entstanden. Marrero sagt, was die spanischen, kanadischen und mexikanischen Investoren von ihm hören wollen: Kuba sei jetzt "offen für alle Investitionen", man sei "sehr gut vorbereitet auf den Wandel". Diese Art von Tourismus scheint zudem regimekompatibel.

Cayo Santa Maria verbindet ein 56 Kilometer langer Damm mit dem Festland, ein Checkpoint isoliert es: Für Kubaner, die nicht hier arbeiten, ist die glitzernde Parallelwelt gesperrt. Solange also China weiterhin jedes Jahr gratis Autobusse und Lokomotiven liefert, solange Venezuela täglich 100.000 Barrel Rohöl sponsert und die Cash-Cow des Tourismus gemolken werden kann, ließe sich, so das politische Kalkül, die Potemkin'sche Insel einigermaßen finanzieren.

Und alle paar Jahre ein Paar neue Boxhandschuhe für Manuel. Ob er sich damit zufrieden geben wird? Zu Beginn des Jahres sind drei Boxer der kubanischen Mannschaft bei den Ausscheidungen zu den panamerikanischen Spielen in Venezuela abgesprungen. (Ernst Strouhal/Der Standard/Rondo/15.6.2007)

>>> Zur Ansichtssache: Ein Blick nach Kuba
>>> Zur Ansichtssache/Leserreise über Kuba

Anreise: Im Sommer (bis Ende Oktober 2007)
gibt es wöchentliche Flüge Wien- Kuba mit
der Condor oder LTU (nach Varadero via Düsseldorf).

Visum: Die Touristenkarte kann für 22 Euro
bei der Botschaft von Kuba in Wien beantragt werden:
Kaiserstr. 84, 1070 Wien, Tel: (01) 877 81 98
Fax: (01) 877 81 98 30, Konsularabt.: Tel: (01) 877 81 98 28
E-Mail: secembajador@ecuaustria.at

Allgemeine Infos: Cubansiches Fremdenverkehrsamt

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    Die Kubaner boxen sich ...

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    ... und tanzen in eine Zukunft, die sich keiner so recht auszumalen weiß.

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