Portrait: Der Mann, der zum Symbol wurde

15. Juni 2007, 11:12

Kurt Waldheim ist tot - 1986 löste er mit seiner Aussage, er habe im Zweiten Weltkrieg als Soldat nur seine Pflicht erfüllt, erstmals eine offene Debatte über Österreichs Rolle von 1938 bis 1945 aus

Es war nicht ganz einfach, ein Interview mit Kurt Waldheim zu bekommen. Als der Standard im Jahr 2006 eine Serie über das ereignisreiche Wendejahr 1986 startete, fragte er auch um ein Gespräch mit dem Altbundespräsidenten an. Nur per E-Mail, wurde beschieden, denn es gehe ihm nicht gut.

Danach, als Fragen und Antworten ausgetauscht worden waren, meldete er sich am Telefon, mit dünner, zerbrechlicher Stimme, um sich zu bedanken. "Das Thema ist mir unendlich wichtig", sagte er.

Das Thema, um das es in der Serie und in dem Gespräch ging, schien ihm Bürde und Pflicht zugleich. Waldheim hatte an der historischen Bedeutung, die er für die österreichische Zeitgeschichte im Zuge des Präsidentschaftswahlkampfes 1986 bekommen hatte, ein Leben lang zu arbeiten - und zu kämpfen.

"Ich habe meine Pflicht erfüllt" waren damals die Worte des ehemaligen Wehrmachtssoldaten, an denen sich eine nationale und bald internationale Debatte über Österreichs Vergangenheit entzündete. Mit einem Mal stand das neutrale Musterland als schäbige, kleine braune Republik da, die ihre historischen Hausaufgaben nicht nur nicht gemacht hatte, sondern sich zu Unrecht über Jahrzehnte in die Rolle des ersten Nazi-Opfers begeben hatte.

Waldheim passt als Symbol für beides: Aufstieg und dunkle Seiten der Republik. Aus einfachen Verhältnissen stammend (er wurde am 21. Dezember in St. Andrä-Wördern in Niederösterreich geboren), hatte er sich zielstrebig in die Höhen der Diplomatie gearbeitet. Als UN-Generalsekretär (von Anfang 1972 bis Ende bis 1981) war er Österreichs Stimme in der Welt. Als er 1986 von der ÖVP als parteifreier Kandidat für das Präsidentenamt aufgestellt wurde, war der Wahlkampf ganz auf den polyglotten Spitzenfunktionär zugeschnitten.

SPÖ-Gegenkandidat Kurt Steyrer war von Anfang an in der Defensive, bis unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen Waldheims Vergangenheit als Wehrmachtssoldat in den Medien auftauchte. Das profil berichtete fast zeitgleich mit der New York Times, vom World Jewish Congress angefacht, breitete sich der Skandal schnell weltweit aus. Waldheim reagierte verständnislos, hilflos - und ungeschickt. Aufgewachsen im Nachkriegskonsens, dass man über die Zeit damals eben nicht spricht, drückte er sich um klare Stellungnahmen herum - und wurde so erst recht zum Symbol für ein Land, dass sich mit seiner Vergangenheit fast 50 Jahre später nicht konfrontieren will. "Ich habe meine Pflicht erfüllt, so wie hunderttausende Österreicher auch. Es handelt sich hier um eine groß angelegte Verleumdungskampagne. Sie werden nichts finden. Wir waren anständig", sagte Waldheim 1986, als er erstmals mit seiner Kriegsvergangenheit konfrontiert wurde.

"Jetzt erst recht"

Die von der SPÖ zwar nicht offiziell, aber inoffiziell am Köcheln gehaltene Kampagne beschädigte Waldheim persönlich - brachte ihm aber letztlich den Wahlsieg. Die "Jetzt erst recht"-Stimmung im Land hatte sich durchgesetzt. Waldheim wurde zum "einsamen Mann in der Hofburg", das Land lernte inzwischen seine Geschichte neu zu erzählen.

Waldheim hatte darin eine tragende Rolle - wenn auch nicht die, die er sich gewünscht hatte. Der Altbundespräsident starb am Donnerstag im Alter von 88 Jahren nach einer kurzen, heftigen Krankheit. Er hinterlässt drei Kinder sowie seine Frau Elisabeth. (Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2007)

  • Kurt Waldheim: Der ehemalige "einsame Mann in der Hofburg" bei Rudolf Eldingers Budgetrede im Jahr 2001.
    foto: standard/cremer

    Kurt Waldheim: Der ehemalige "einsame Mann in der Hofburg" bei Rudolf Eldingers Budgetrede im Jahr 2001.

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