Kleeblatt in Umnachtung

31. Juli 2007, 18:53
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"Nacht" von Anne Teresa De Keersmaeker – ein kaum produktiver Rückblick auf historische Stücke

Das ImPulsTanz-Festival zeigt vor seinem eigentlichen Beginn nun ein zweites Spezialprojekt: Der Repertoire-Abend "Nacht" mit Arbeiten von Anne Teresa De Keersmaeker wurde im Theater an der Wien zum unterhaltsamen Debakel.


Wien – Schwache Politik wird gerne hinter großmäuligen Slogans versteckt, faule Wissenschaft hinter hysterischen Behauptungen und schlechte Kunst hinter genialischen Gesten. Und das alles immer wieder mit atemberaubendem Erfolg. Die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker wird heute beinahe selbstverständlich als Lichtfigur des Gegenwartstanzes gesehen – diesem Ruf hat sie nun im Theater an der Wien entschieden widersprochen.

Unter dem stimmigen Titel "Nacht" präsentiert Keersmaeker auf Einladung von ImPulsTanz und Opernhaus noch bis Samstag einen dreiteiligen Abend mit Ausschnitten aus älteren Stücken. Die Zusammenstellung repräsentiert drei ihrer Schaffensperioden ab Mitte der 80er-Jahre über ein Dezennium hinweg. Das Ergebnis ist verblüffend.

Als halbherzig zusammengeschusterter, aber mit Pomp aufgemachter Repertoireabend löst diese Retrospektive die durchaus erkennbaren Stärken im Œuvre der 47-jährigen Künstlerin im Nachhinein auf. Keersmaekers viel beschworene enge Beziehung zur Musik ist sichtlich stärker als ihr Wille, den Tanz dorthin zu entwickeln, wo er mehr ist als bloß selbstgenügsam.

Ein schicker Shake aus Bartók, Beethoven und Schönberg, guten Tänzern, cleverer Choreografie und ein bisschen Bühnenzauber genügt für einen harmlosen Unterhaltungsabend. Der ist Keersmaeker laut Applausbarometer immerhin gelungen. Doch dieser Populismus ist teuer erkauft. Das neckische Tändeln eines schwarz gekleideten Girls-Kleeblatts zu Bartóks viertem Streichqartett mag zu seiner Entstehungszeit in den Achtzigern noch "schräg" gewirkt haben. Heute, im veränderten Kontext, geht es gerade noch als schlaffer Herrenwitz durch. Und mit ihren zu Kunstwerken hochgeschminkten Tänzen in der vom Duke Quartet live gespielten Musik (Beethoven, Schönberg) erreicht Keersmaeker heute künstlerisch maximal Stadttheaterniveau.

Eine Kompilation aus Zitaten seiner früheren Arbeiten muss für einen Choreografen nicht notwendigerweise in einem solchen Desaster enden.

Den Nachweis dafür liefert Wim Vandekeybus in seinem Stück "Spiegel", das bereits im Posthof zu sehen war und im Juli auch in Wien gastiert. Vandekeybus hat vor zwanzig Jahren eine neue Tanzauffassung eingeführt, die bis heute einen Meilenstein in der Tanzgeschichte darstellt. Keersmaeker dagegen schleuste nach ihrer New Yorker Zeit vor mehr als einem Vierteljahrhundert eine Adaption des Stils der US-Postmoderne-Koryphäe Lucinda Childs aus den 70ern in Europa ein und generierte daraus eine eigene Methode. So etwas ist üblich. Aber auch nicht mehr. Im Laufe lang anhaltender Karrieren zeigen sich die wirklichen Potenziale von Choreografen im Verhältnis zu den sie tragenden Public Relations immer deutlicher. Auch Vandekeybus hatte seinen Sündenfall in einem missglückten Ausritt ins Theater, konnte sich aber wieder fangen.

Childs ist mit der Zeit verkitscht, ebenso wie Trisha Brown. Auch Jirí Kylián, Hans van Manen oder Maurice Béjart sind berühmte Beispiele für künstlerische Sinkflüge nach zu langer Bühnenaktivität. Dass es nicht immer nur abwärts gehen muss, beweisen heute konstant progressive Größen wie William Forsythe, Steve Paxton und Yvonne Rainer. Keersmaeker könnte sich noch eines Besseren besinnen. Sie sollte es tun. Und zwar jetzt. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.6.2007)

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    foto: impulstanz
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