Wien ohne Ecken und Kanten

25. Jänner 2008, 11:17
7 Postings

Barrierefreiheit im Tourismus gewinnt immer mehr an Bedeutung. Das Kolpinghaus in Wien hat die Zeichen der Zeit erkannt

Im April fand in Salzburg die Fachtagung „Barrierefreier Tages- Kurzzeit- und Städtetourismus“ statt mit der Erkenntnis, dass das Angebot an barrierefreien Einrichtungen im Tourismussektor der Nachfrage immer noch hinterher hinkt. Ein wachsendes Kundenpotenzial wartet darauf, genutzt zu werden.

Ein neues Konzept in Wien

Das Kolpinghaus Wien-Zentral in der Gumpendorfer Straße 39 macht sich die steigende Nachfrage zu Nutze. Um die Wirtschaftlichkeit zu sichern, wurden die beiden alten Gebäude an diesem Standort abgerissen und an ihrer Stelle ein Neubau errichtet. In ihm stehen in Zukunft neben 253 Wohnplätze für Menschen in Ausbildung und einem Gästehausbereich mit 60 Zimmern auch neun speziell ausgestattete Gästezimmer für RollstuhlfahrerInnen zur Verfügung. Das neue Gebäude ist zu 100 Prozent barrierefrei, insgesamt können 18 Menschen mit Rollstuhl für kürzere oder längere Aufenthalte untergebracht werden.

Bei der Planung des Hauses wurden Betroffene und entsprechend kompetente Bauberater miteinbezogen, die vor allem auch auf jene Details Rücksicht genommen haben, die Menschen ohne Beeinträchtigung oft übersehen. So ist etwa der Eingang stufenlos, die Türbreiten haben ein Mindestmaß von 85 cm, die Fahrstuhlkabine bietet ausreichend Platz, um mit dem Rollstuhl wenden zu können. Die Rezeption wurde ebenfalls teilweise barrierefrei konzipiert und bietet einen eigenen Check-in-/Check-out-Bereich für RollstuhrlfahrerInnen.

Bankomat- und Kreditkarten-Bedienelemente wurden abgesenkt, die Tische im Restaurant sowie das Buffet sind unterfahrbar. In den neuen barrierefreien Doppelzimmern sind die Betten verschieb- und unterfahrbar, Notrufapparate befinden sich beim Bett, neben dem WC und in der Dusche. Auch sämtliche sanitären Einrichtungen sind unterfahrbar bzw. mit dem Rollstuhl befahrbar. Das neue Kolpinghaus eröffnet am ersten Juli und wird dann schrittweise seiner neuen Bestimmung übergeben.

Barrierefreie Angebote in Wien

Die über 100 Museen und Sehenswürdigkeiten Wiens sind zum Großteil in historischen Gebäuden untergebracht, die einen barrierefreien Zugang oft schwierig machen. Trotzdem gibt es eine Reihe von Gebäuden, die für Menschen mit Beeinträchtigung zugänglich gemacht werden konnten. Darunter befinden sich etwa die Albertina mit stufenlosem Haupteingang oder das Belvedere, dessen Ausstellungsräume über Rampen und Lifte erreichbar.

Für einen Besuch im Burgtheater ist hingegen eine Voranmeldung unbedingt notwendig, da bei Führungen Stufen zu überwinden sind. Am Nebeneingang befindet sich eine Rampe, allerdings ist es notwendig anzuläuten. Stufenlos erreichbar hingegen sind das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes oder das Haus des Meeres. Hier sind nur beim Haibecken fünf Stufen zu überwinden.

Eine vollständige Liste über alle barrierefreien Sehenswürdigkeiten erhält man auf der Seite des Wien Tourismus. Hier findet man auch eine Lister aller Hotels, die barrierefreie Unterkünfte anbieten.

Die Nachfrage steigt laufend

Die demografische Entwicklung im EU-Raum zeigt den offensichtlichen Nutzen eines barrierefreien Tourismus: Die Bevölkerung wird immer älter, der Anteil der Generation 60plus wird sich bis 2050 auf 36 Prozent erhöhen, 2005 lag der Anteil noch bei 22 Prozent. „Damit steigt der Anteil der Menschen mit einer Mobilitäts- oder Aktivitätseinschränkung. Mit der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft wird die Nachfrage nach barrierefreien Produkten und Dienstleistungen sukzessive steigen, erläutert Peter Neumann von der Universität Münster.

Wirtschaftsfaktor Barrierefreiheit

2004 veröffentlichte Neumann eine Studie für das deutsche Wirtschaftsministerium über die ökonomischen Impulse im barrierefreien Tourismus für Alle, die die aktuellen Trends belegt. Daraus geht hervor, dass eine Verbesserung des Tourismusangebots für Menschen mit Mobilitäts- oder Aktivitätseinschränkung bis zu fünf Milliarden Euro an volkswirtschaftlichen Impulsen und 90.000 zusätzliche Arbeitsplätze liefern würde.

Tourismus für Alle

Die Schaffung barrierefreier Einrichtungen, Dienstleistungen und Produkte darf aber nicht in einer Gettoisierung behinderter Menschen in speziellen Urlaubsanlagen enden. Eine derartige Entwicklung wird auch weder von Seiten der Anbieter noch von Seiten der Nutzer gewünscht. Gefragt sind hingegen integrative Angebote, die sowohl von nicht beeinträchtigten Besuchern als auch von Gästen mit speziellen Bedürfnissen gleichermaßen genutzt werden können. Barrierefreiheit bedeutet schließlich auch nichts anderes als Zugänglichkeit und Benutzbarkeit von Gebäuden, Dienstleistungen und Informationen für Alle und beginnt bei der Reiseplanung über die Anreise bis hin zur Unterkunft und dem Freizeit- und Kulturangebot vor Ort.

Reiselust bleibt unbefriedigt

Für diese wachsende Zahl beeinträchtigter Personen schafft der barrierefreie Tourismus einen Rahmen, der es ihnen ermöglicht, an jeden gewünschten Ort zu verreisen, unabhängig von Alter oder Grad der Behinderung. Nach EU-Schätzungen gibt es rund 46 Mio. Menschen mit Beeinträchtigungen von denen etwa 70 Prozent physisch oder psychisch in der Lage wären zu verreisen. Aber nur ein Bruchteil der Gastronomiebetriebe, Unterkünfte, Sehenswürdigkeiten sind beispielsweise für RollstuhlfahrerInnen zugänglich. Dabei würde die Hälfte der behinderten Menschen öfter verreisen wenn das Angebot vorhanden wäre und sie wären auch bereit, dafür mehr zu bezahlen, wenn die Qualität stimmt. Besonders beliebt bei dieser Zielgruppe sind Kultururlaube und somit auch der Städtetourismus. (ham)

Info: Das Kolping Wien-Zentral wird am 1. Juli eröffnet und dann Schritt für Schritt seiner Bestimmung übergeben.

Auf der Plattform für Barrierefreien Tourismus in Österreich, IBFT.at können AbieterInnen und NutzerInnen Informationen über Barrierfreien Tourismus zur Verfügung stellen und beziehen.

Auf Europaebene ist IBFT Partner des EU-Projektes OSSATE (One-Stop-Shop für Accessible Tourism in Europe) sowie von ENAT (European Network for Accessible Tourism.

Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs setzt sich für ein gleichberechtigtes und selbständiges Leben sehbehinderter und blinder Menschen ein.

  • Die Fassade wird nach einem Entwurf des international renommierten Künstlers Prof. Karl Korab gestaltet.
    grafik: kolpinghaus

    Die Fassade wird nach einem Entwurf des international renommierten Künstlers Prof. Karl Korab gestaltet.

  • Die barrierefreien Zimmer sind so eingerichtet, dass ausreichend Platz für RollstuhlfahrerInnen besteht. Der Tisch ist unterfahrbar, Lichtschalter und Telefone sind leicht zu erreichen.
    foto: toni rappersberger

    Die barrierefreien Zimmer sind so eingerichtet, dass ausreichend Platz für RollstuhlfahrerInnen besteht. Der Tisch ist unterfahrbar, Lichtschalter und Telefone sind leicht zu erreichen.

  • Sämtliche sanitären Einrichtungen sind unterfahrbar und speziell für RollstuhlfahrerInnen konzipiert.
    foto: toni rappersberger

    Sämtliche sanitären Einrichtungen sind unterfahrbar und speziell für RollstuhlfahrerInnen konzipiert.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Viele der Wiener Museen und Sehenswürdigkeiten, wie etwa das Belvedere, verfügen über barrierefreie Zugänge.

Share if you care.