"Hazing" an US-Unis: Wenn aus Studentenspass Quälerei wird

11. Februar 2008, 08:49
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Besäufnisse, Quälereien, Aufnahmerituale - an manchen amerikanischen Universitäten gilt: Wer bei einer Bruderschaft dabei sein will, muss leiden

Bruderschaft und Gemeinschaftssinn, aber auch Besäufnisse und erniedrigende Rituale - das sind die Eckpfeiler vieler traditionellen Studentenverbindungen an amerikanischen Unis. Sie heißen auch "griechisches System", weil sich ihre Namen aus Buchstaben des griechischen Alphabets zusammensetzen, z.B. Delta Kappa Epsilon, wo George W. Bush in seiner Studentenzeit Mitglied war.

Lebenslange Netzwerke

Eine Mitgliedschaft sieht im Lebenslauf gut aus, kann bei der Zulassung zu einem Master-Studium helfen und macht einen zum Teil eines lebenslang nützlichen Netzwerks. Leider wird einem der Weg zu diesen Privilegien durch geheime und oft sadistische Aufnahmeriten verdorben, mit denen Loyalität und Charakterstärke bewiesen werden sollen.

Die erste studentische Bruderschaft soll Ende des 18. Jahrhunderts in Virginia gegründet worden sein. Damals waren das Herrenclubs, in denen jungen Männer der feinen Gesellschaft gambeln, sporteln und trinken konnten. Nach dem Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten der USA (1861-65) begann das "Hazing", das Initiationsritual. Damit wollten die von den Schlachtfeldern zurückgekehrten Soldaten an den Unis die gemeinsam durchlittenen Qualen simulieren, die sie fürs Leben zusammen geschweißt hatten.

Lebender Goldfisch als Loyalitätsbeweis

Heute spielt sich das Hazing vor allem in der "Pledge-Periode" ab, der Zeit vom ersten Kontakt mit einer Verbindung bis zur Aufnahme. Da habe ich schlimme Dinge gehört: Einer meiner Freunde in Ohio, ein Mitglied der Alpha-Delta-Phi-Bruderschaft, musste als Loyalitätsbeweis einen lebenden Goldfisch schlucken. Ein weiterer Student, der zu Delta Kappa Epsilon gehörte, musste vier Tage und Nächte wach bleiben, die meiste Zeit stehend, und immer wider dasselbe Lied anhören. Üblich ist auch das "Paddling". Die meisten "Fraternities" besitzen solche "Paddles" – mit Griffen versehene Bretter, auf denen die griechischen Buchstaben der Verbindung stehen. Damit kriegt der nach vorn übergebeugte Kandidat Schläge auf den Hintern; manchmal so hart, dass er tagelang nicht sitzen kann.

Jedes Jahr stirbt in den USA jemand in einer Fraternity, sei es durch zu viel Alkohol, sei es, dass eines der lächerlichen Rituale schief geht. In Austin, Texas, fiel dabei voriges Jahr ein 18-Jähriger aus dem Fenster. In Kalifornien wurde ein Student im Keller der Bruderschaft zum stundenlangen Exerzieren genötigt, wobei er viele Liter Wasser trinken musste. Schließlich hatte er einen Schlaganfall und starb, weil man die Verständigung der Rettung zu lange hinauszögerte.

Auch Mädchen machen mit

Die "Sororities", das Gegenstück zu den Bruderschaften für Studentinnen, haben ihre eigenen Aufnahmeschikanen. Man stelle sich vor: Zwanzig 17-jährige Mädchen, allesamt Erstsemestrige, die einer Frauenverbindung beitreten wollen, werden in einen dunklen Raum gerufen. Ihre künftigen "Schwestern" stellen einen CD-Player an und spielen den Song "Blue dabadi dabada" immer wieder – sieben Stunden lang. Oder die Kandidatinnen müssen, nur in BH und Höschen, Aufstellung nehmen. Mit dicken, schwarzen Filzstiften bewaffnete Schwestern kommen und markieren jene Körperteile, die sie "verbessern" sollen: schwarze Kreise für den Hüftspeck, die so genannten "Love handles", den zu kleinen Busen; ein X für zu dicke Schenkel. Noch ärger war, was mir eine Freundin von ihrer Initiation erzählte: sie wurde mit anderen Kandidatinnen in einen Keller geführt und schwer unter Alkohol gesetzt. Die Älteren holten dann Studenten von der Bruderschaft und luden sie ein, sich mit den wehrlosen Mädchen zu vergnügen.

Während manche Bruderschaften und Frauenvereinigungen freiwillige Sozialarbeit leisten, sind andere nur an Partys interessiert. Aufnahmewillige Neulinge werden von den meisten schlecht behandelt. Obwohl das an Folter grenzende "Hazing" in den meisten Bundesstaaten der USA offiziell verboten ist, trifft man es fast auf jedem Universitätscampus an.

(Valentina Stackl aus Ann Arbor/derStandard.at, 14.6.2007)

Zur Person

Valentina Stackl (21) studiert Politikwissenschaft und Creative Writing an der US-University of Michigan in Ann Arbor. Für derStandard.at berichtet sie über den Alltag an US-amerikanischen Universitäten.

  • Eine der "afro american"-Bruderschaften, deren Rituale besonders streng sind.

    Eine der "afro american"-Bruderschaften, deren Rituale besonders streng sind.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bei einem Fest der Phi Kappa Tau-Bruderschaft starb im März 2007 ein Student an einer Alkoholvergiftung.

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