Margriet de Moors "Der Virtuose"

14. Juni 2007, 17:13
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Arabeske und Ornament - eine leichte, heitere Delikatesse, nicht nur für Stimmfetischisten und Opern-Gourmets

In den frühen Neunzigerjahren war der Kastraten-Mythos plötzlich en vogue. Während die historische Aufführungspraxis ein immer breiteres Publikum an den Klang hoher Männerstimmen gewöhnte, munkelte man in Kennerkreisen über den mutmaßlich noch exquisiteren Sound der entmannten Wundersänger des 17. und 18. Jahrhunderts. Barockes hatte Konjunktur, nachdem Kinoerfolge wie "Gefährliche Liebschaften" einer Ästhetik gehuldigt hatten, die mit anmutiger Ausschweifung, lustvoller Lüge und schillerndem Schein postmodernen Sehnsüchten entgegenkam. 1993, als Margriet de Moors Roman "Der Virtuose" in Holland erschien, nahm sich hierzulande Helmut Kraussers Monumentalschmöker "Melodien" des Kastraten-Themas an, und in Belgien drehte Gérard Corbiau seinen Film über Farinelli, den berühmtesten Vertreter jener ausgestorbenen Spezies.

Die Ex-Sängerin de Moor, die kurz zuvor mit "Erst grau dann weiß dann blau" erfolgreich als Autorin debütiert hatte, schwamm also im Mainstream, als sie die Liebesaffäre zwischen einer verheirateten jungen Adeligen und einem "primo uomo" der neapolitanischen Oper zur Barockzeit schilderte. Das historische Vorbild für den männlichen Part war der Kastrat Caffarelli, Farinellis Rivale, bekannt ob seiner Launenhaftigkeit und seiner erotischen Anziehungskraft auf beide Geschlechter. Für die schöne Carlotta, deren herzoglicher Gatte sich lieber mit Knaben vergnügt, dürfte es viele Modelle gegeben haben. Als die Contessa, gebildet, musikalisch und unausgefüllt, im Teatro San Carlo zu Neapel einen Auftritt des gefeierten Soprans Gasparo Conti erlebt, verfällt sie der Magie seiner Stimme und seines schweren, doch wohlgestalteten Köpers. Es ist leicht, ihn zu erobern, etwas mühevoller indes, ihn zum sexuellen Vollzug zu rüsten; es ist manchmal enervierend, seiner Konversation zu lauschen, und es ist unmöglich, ihn als Liebhaber festzuhalten. Der Autorin aber ging es um andere Dinge: um den Eros des Gesangs, den Reiz des Androgynen und die musikalische Seite der Literatur.

Mit einer wollüstig klangsinnlichen und dekorverliebten, doch unverhohlen heutigen Prosa hat Margriet de Moor diese historisch-erotische Fantasie orchestriert. Ihre Beschreibungskunst ist virtuos, auch wenn sie nur Kulissen errichtet; ihre Erzählung kann bezaubern wie eine barocke Arie, auch wenn sie nichts Gewichtigeres hervorbringt als Arabeske, Schnörkel und Ornament. Eine leichte, heitere Delikatesse, nicht nur für Stimmfetischisten und Opern-Gourmets. (Kristina Maidt-Zinke / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.6.2007)

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