Pop mit der Bibel: Sinéad O'Connor

22. Juni 2007, 21:23
24 Postings

Die umstrittene 40-jährige irische Sängerin meldet sich mit dem spirituellen Doppelalbum "Theology" zurück

Ein Gespräch über Tod und Wiedergeburt als mediale Person.


Im April 2003 hatte Sinnead O'Connor die Nase derart gestrichen voll, dass sie für sich nur noch zwei Perspektiven sah: entweder Haushälterin werden, oder Religionslehrerin. "Wenn ich meinen Freunden oder der Familie aber gesagt habe, dass ich einen ganz normalen Job will, hat mich meine Familie nur ausgelacht." So O'Connor im Interview. "Es kam zu Meinungsverschiedenheiten und mir wurde gesagt: Mach Musik, das ist dir in die Wiege gelegt worden. Ich bin daraufhin immer sehr wütend geworden. Aber natürlich hatten sie Recht. Diese Rückkehr mit eigenen Songs ist deshalb auch eine Rebellion gegen mich selbst."

Beim Resultat dieser Rebellion handelt es sich um ein Doppelalbum. Womit O'Connor einstige Zukunftspläne höchst elegant mit ihrer Wiegengabe in Einklang zu bringen wusste: Theology bietet Alttestamentarisches, vertont von einer Frau, die laut eigener Aussage immer dann am besten komponiert, wenn sie gerade putzt. Es ist auch eine Platte, mit der Sinéad O'Connor, 40, den Kampf um ihr Selbstbild wieder aufnimmt.

"Ich habe dem Musikgeschäft den Rücken gekehrt, weil die Person, um die es in den Medien immer ging, nichts mit mir zu tun hatte", sagt sie. "Jedes Mal, wenn ich als Musikerin meinen Job machte, Interviews gab und so weiter, kam ich mir vor, als ob ich ganze Mauern an Vorurteilen durchbrechen müsste. Und das mit der Zeit nicht nur im Job. Auch in meinem Privatleben wurde ich teilweise behandelt, als ob ich verrückt wäre. Schlicht und einfach deshalb, weil die Medien mich so dargestellt haben. Es war sehr frustrierend."

Das Bild von Sinéad der Verrückten ist untrennbar verbunden mit einem Vorkommnis, das sich 1992 in den USA zugetragen hat. Sinéad O'Connor, eine kahlgeschorene Irin, die es zwei Jahre zuvor mit ihrer Interpretation der großartig larmoyanten Prince-Schnulze Nothing Compares 2 U zu Weltruhm gebracht und daraufhin vier Grammys abgelehnt hatte, wagte es während eines Auftritts in der Saturday Night Live-Show, ein Bild von Papst Johannes Paul II. zu zerreißen. Während sie War von Bob Marley sang. Was folgte, waren Radio-Boykotte und Drohbriefe. "Werde ich wahnsinnig oder bringe ich mich um?", wurde sie damals zitiert.

Mit Universal Mother (1994) konnte O'Connor nicht annähernd an frühere Erfolge anschließen, von ihrer Gospel-EP (1997) nahm kaum jemand Notiz. Große öffentliche Aufmerksamkeit sollte ihr erst wieder im Jahr 2000 zuteil werden. Und dies nicht etwa aufgrund ihres vorzüglichen Albums Faith And Courage, sondern wegen eines lesbischen Outings, das bald darauf relativiert wurde. Kurz zuvor war sie auch als Priesterin einer christlichen Splitterkirche in Erscheinung getreten.

Heute sagt O'Connor, mittlerweile vierfache Mutter: "Ich musste Theology machen, weil ich dieses falsche mediale Ich nicht mehr mit mir rumschleppen konnte. Ich habe also gelernt, mich von der Last, die meiner Kreativität im Weg stand, zu befreien. Als ich das Musikgeschäft verließ, wollte ich Sinéad O'Connor tot sehen. Was dann aber wiederum der Grund war, weshalb ich zurückkam. Denn natürlich soll Sinéad nicht tot sein. Auf keinen Fall. Ich durfte mich und meine Kreativität einfach nur nicht durch die Medien umbringen lassen."

Ihre Rückkehr fand vor zwei Jahren mit der Cover-CD Throw Down Your Arms statt, einem Roots-Reggae-Album, auf dem sich unter anderem Songs von Bob Marley und Peter Tosh fanden. Theology dagegen gewährt Einblicke in die spirituellen Präferenzen der Sinéad O'Connor. Die Songs finden sich in akustischer Interpretation auf den lyrischen "Dublin Sessions", auf den "London Sessions" sind sie in der Rockversion zu hören. Neben acht Eigenkompositionen werden dabei auch Bearbeitungen von Curtis Mayfields We People Who Are Darker Than Blue und I Don't Know How To Love Him aus Jesus Christ Superstar geboten.

"Mein Lieblingslied ist Psalm 33. Es ist einer der Songs, der ausschließlich aus Bibelstellen besteht. Das sind Texte, die vor 2000 Jahren in einer wunderschönen Sprache geschrieben wurden und perfekt zur heutigen Zeit passen. Andere Songs auf dem Album beinhalten dagegen nur ein paar wenige Sätze aus der Heiligen Schrift - und den restlichen Mist habe ich mir einfach selbst ausgedacht." Für die Zukunft hat Sinéad O'Connor, aus der jede Wut gewichen zu sein scheint, nur einen Wunsch: "Oma werden." (Uli Karg / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.6.2007)

  • Sinéad O'Connor: "Theology" (Rubyworks Records)
    foto: rubyworks records

    Sinéad O'Connor: "Theology" (Rubyworks Records)

Share if you care.