Himmel, Aal und Zwirn

14. Juni 2007, 17:00
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Ferienhaus-Urlaub in Dänemark: von Hummerfischern, Fährleuten und Schnapsbrennern am Limfjord

Das Kinderspielzeug wartet in der Sandkiste auf den nächsten Sommerausflug von Bente, Christer, Annika und Rasmus ins Ferienhaus. Die Namen stehen in blauer Farbe auf dem Schild neben der Haustür. Den Nachnamen hat die Familie einfach weggelassen. Er ist unwichtig in Dänemark.

In der Zwischenzeit "gehört" das Haus am Limfjord anderen, die es für ein paar Tage gemietet haben. Sie dürfen Sandkiste und Spielzeug mitbenutzen. Bente, Christer, Annika und Rasmus haben nichts dagegen - auch nicht die Hasen, die aus dreißig Meter Abstand zuschauen und neugierig im hohen Gras Männchen machen. Nur die Reiher sind weniger gesellig und verlassen ihre Wachtposten im Schilf eilig, wenn ihnen ausnahmsweise einmal jemand zu nahe kommen sollte.

Foto: 
John Sommer/Visit Denmark

Meer, Strand und Ruhe am Limfjord.

Die Landschaft am Limfjord, der das nördliche Drittel Jütlands vom Süden abtrennt, ist lieblicher als an den Meeren. Windschiefe Knicke zerteilen die endlosen Weiden. Kühe grasen hinter blühendem Flieder. Das Gelb der Wiesenblumen verliert sich im Blau des Sommerhimmels. Sanfte Hügel wechseln sich mit weiten Ebenen ab. Und sogar richtige Berge gibt es ab und zu - für dänische Verhältnisse. Sie sind bis zu dreißig Meter hoch. Es war die letzte Eiszeit vor etwa 15.000 Jahren, die die Region modelliert und diesen rund 160 Kilometer langen und bis zu 25 Kilometer breiten Fjord geschaffen hat. In den Wintermonaten kommen die Wellen manchmal, nagen zum Beispiel an der Steilküste bei Spøttrup, holen sich Tannen, nehmen im Sturm mit, was sie bekommen können. Jedes Mal rückt der Limfjord den Ferienhäusern oben auf dem Kliff wieder ein kleines Stückchen näher. Im Sommer gibt er Ruhe, ist meist friedlich wie ein See, spiegelglatt, viel stiller als die nahe Nordsee.

Foto: 
John Sommer/Visit Denmark

Ferienhaus in Westjüttland.

Dänisch ist in den Siedlungen am Fjord anders als in den Ferienorten entlang der Nordseeküste selbst im Hochsommer die meistgesprochene Sprache. Hier machen mit Vorliebe die Dänen selbst Urlaub - weil man selten Sand in die Augen geblasen bekommt. Weil das Wasser ein paar Grad wärmer ist als in der Nordsee. Weil vor allem die Steilküstenstrände vergleichsweise einsam sind. Weil die Nebenstraßen schmal, kaum befahren und ideal für Freizeitradler sind. Diesen Mittag spielt ein Katamaran Mauritius und zerschneidet mit dem Kiel das schillernde Türkisblau einer Lagune bei Ejsing, als läge der Limfjord für ein paar Stunden in den Tropen.

Die Leute aus Aalborg, Esbjerg und Kopenhagen kommen meist nur an den Wochenenden in ihre Häuser. So lange müssen ihre Ruderboote auf sie warten, liegen, hoch auf den Strand gezogen, ein paar Dutzend Meter von den Terrassen - oder die Ferienhaus-Mieter benutzen sie mit.

Das Thermometer zeigt 24 Grad, und entlang der Uferstraße werben immer wieder Schilder mit "Kaminholz-Verkauf" - die meisten auf Dänisch, manche auch auf Deutsch. Gebraucht werden könnten die Scheite für die typischen "Bolleröfen" der vielen Ferienhäuser. Schlussverkauf gibt es nicht einmal außerhalb der eigentlichen Kaminholzsaison: kann schließlich sein, dass es morgen nicht wärmer als zwölf oder fünfzehn Grad wird und dass ein paar Leute kurzfristig einen Sack Kaminholz erstehen wollen - alles drin, alles im Bereich des Möglichen im dänischen Sommer.

Linienfähren verbinden die Inseln im Limfjord wie Busse - Vorausbuchung nicht möglich. Wer vorn in der Schlange steht, darf an Bord, wenn die Rampe heruntergeklappt wird - so lange, bis das Schiff voll ist. Auf manche dieser auf Dänisch "Limfjordbussen" genannten Schiffe passen nur ein paar Wagen, und jeder Laster kostet wertvolle Kapazität, verlängert die Wartezeit der Autoinsassen am Pier. Andere haben Platz für ein paar Dutzend Fahrzeuge und pendeln alle paar Minuten - die Fähre "Sleipner" zwischen Branden auf dem Festland und Stenøre auf der Fjordinsel Fur zum Beispiel. 71-mal pro Werktag kreuzt sie den Sund.

Foto: 
John Sommer/Visit Denmark

Die Fähre Egense-Hals in Nordjuetland

Schon viele tausend Mal ist Villy Svinth mit ihr gefahren. Meistens steht er dabei selbst am Ruder. Der Mann war Kapitän auf Hochseefrachtern, fuhr im Liniendienst zwischen Dänemark und dem Persischen Golf und sattelte vor ein paar Jahren auf Fährmann um: "Ob ich den Ozean vermisse?" Er lacht und ruckelt mit den Schultern das Uniformhemd mit den Schulterklappen zurecht. "Überhaupt nicht. Ich habe ja diesen. Der Limfjord ist jetzt mein Ozean. Ein Meer mitten in Dänemark. Und ich bin jeden Abend zu Hause, statt fast allein auf offener See unterwegs zu sein."

Nach Feierabend fährt Villy mit dem Fahrrad an die Nordküste von Fur, angelt an seinem Lieblingsplatz bei Knuden, fängt dort mit etwas Glück Lachse. Wo er am liebsten leben möchte? "Überall. Hauptsache auf Fur. Und am liebsten mit Blick auf diesen Fjord."

Jens Peter Jensen aus Glyngøre kennt den Limfjord so genau wie sein Aquarium zu Hause. Der Mann ist 82, fährt seit 68 Jahren zur See, hatte mit 25 seinen ersten eigenen Fischkutter. Er reibt unruhig den Daumen an Zeige- und Mittelfinger, wenn er vom Fischen, von Fangfahrten draußen auf "seinem" Fjord erzählt, als juckte es ihn und er wollte am liebsten jeden Moment Anker lichten. Er strahlt, wenn er von den schwarzen Fjordhummern spricht. Die hat er als junger Mann gefangen - und später waren sie fast ausgestorben, weil die Wasserqualität nachließ. Seit fünf, sechs Jahren gibt es sie wieder, und es werden immer mehr: so viele, dass man sie bereits wieder fischen darf. "Es gibt keinen größeren Genuss als Fjordhummer", schwärmt er. "Für mich schmecken sie nach Kindheitserinnerungen - immer wieder."

Foto: 
Peter Steensen/Visit Denmark

Die Nacht bricht herein, die Fischer bleiben auf See.

Weniger als 100 Berufsfischer mit etwa 50 Kuttern gibt es auf dem Limfjord noch. Sie fahren bei gutem Wetter am Vormittag heraus, bleiben ein, zwei Nächte auf See. Hauptsächlich fangen sie Scholle, Hering, Aal und seit wenigen Jahren auch wieder Seezunge - ebenfalls ein sehr gutes Zeichen für die Wasserqualität. Oder sie spezialisieren sich auf Muscheln. Tausend Kilo pro Boot und Woche gesteht ihnen die Quotenregelung innerhalb eines begrenzten Zeitraumes zu. Auch Fjordaustern sind dabei.

Ob Jens Peter Jensen nie etwas anderes machen, nie anderswo zu Hause sein wollte in seinem langen Leben? "Nej!" sagt er. Und noch einmal "Nej!" Ein ganz klares "Nein". Die Weite würde ihm fehlen, das Blau dieses Himmels, das Grau der Wellen, diese Hummer - und insgeheim vielleicht auch die Schnäpse von Birte Ladefoged aus Overviskum.

Sie begann vor 20 Jahren damit, ihre Liköre anzusetzen - erst nur für den Privatgebrauch, dann auch für Freunde. Inzwischen beliefert sie Restaurants, Geschäfte und hat einen eigenen Laden für ihre selbst kreierten Limfjord-Schnäpse. Basis ist immer 40-prozentiger Alkohol. Diese Grundsubstanz veredelt sie mit Kräutern, Früchten, Blüten. Die meisten Ingredienzien stammen aus dem eigenen Garten, manches von den Wiesenrändern am Ufer des Fjords. Ihr Verkaufsschlager ist ein selbst angesetzter Walnussschnaps. "Sehr gesund!", sagt sie und zwinkert mit dem linken Auge - obwohl sie den knallroten Erdbeerschnaps vorzieht. Und den besonders milden mit Akazienhonig. Ihre neueste Entwicklung heißt "Limfjorden" - ein Klarer mit Schlehen- und Holunderblüten und Seetang. Das 35-Zentiliter-Fläschchen gibt es für 125 Kronen, umgerechnet knapp 16 Euro. Nichts für Bente, Christer und Co. Aber für die Großen. Wie der Schnaps schmeckt? Irgendwie dänisch. Nach Weite, Wind, endlosem Himmel über flachem Land, nach klarer Luft. Und irgendwie nach Fjord. (Helge Sobik/Der Standard/Rondo/15.6.2007)

>>> Zur Ansichtssache: Ich war da: Dänemark

Anreise: Z. B. mit der Airberlin via Berlin nach Kopenhagen

Unterkunft: Neben Marktgrößen wie Novasol und Dansommer vermitteln auch die lokalen Fremdenverkehrsämter Ferienhäuser in der Limfjord-Region - z. B. Skive-Egne-Turist,
Tel.: 045/97/523 266. Der Preis ist abhängig von Größe und Lage des Hauses sowie der Reisezeit. Am teuersten sind die Quartiere von Ende Juni bis Ende August. Für ein durchschnittliches Vier-bis-Sechs-Personen-Ferienhaus zahlt man in der Nebensaison rund 350, in der Hauptsaison etwa 700 € / Woche.

Details über die Schnäpse von Birte Ladefoged

Allgemeine Infos: Visit Denmark, Glockengießerwall 2, D-20095 Hamburg, www.visitdenmark.com, über die Limfjord-Region
  • Uggerstrand in Nordjütland.
    foto: niels thye/visit denmark

    Uggerstrand in Nordjütland.

  • Knudeklint am Fur.
    foto: niel thye/visit denmark

    Knudeklint am Fur.

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