Beißende Ironie und Furchterregendes

21. Juni 2007, 17:12
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Gleich vier Arbeiten von Franz Sedlacek bietet die 64. Kunstauktion im Kinsky

Wien – New York und Wien, das sind seine Marktplätze. Gelangt eine der raren Arbeiten Franz Sedlaceks (1891–1945) zur Auktion, ist mit Zuschlägen jenseits angesetzter Taxen zu rechnen. In einem größeren Umfeld wurde sein Oeuvre bei "Neue Sachlichkeit – Österreich 1918–1938" 1995 im Kunstforum (Wien) vorgestellt: eine Initialzündung für den Markt. In der US-Datenbank Artprice reichen die Einträge bis 1989 zurück, weisen 2005 als jenes Jahr mit den bislang meisten Besitzerwechseln (sieben Zuschläge) aus.

Im Vergleich zu anderen Künstlern der Zwischenkriegszeit ist Sedlacek ein seltener Gast. Am 19. Juni gelangen bei der 64. Kunstauktion im Kinsky vier Arbeiten zur Auktion. Von Sammlern werden die Werke des in Breslau geborenen und seit 1945 in Polen vermissten Künstlers vor allem wegen ihrer Maltechnik und den oft skurrilen Motiven, die stets vom Mythischen begleitet werden, begehrt. "In seiner surrealen Motivwelt wird er nie so ungegenständlich wie Yves Tanguy, bleibt so gegenständlich wie Salvador Dalí", meint Sedlacek-Verehrer Ernst Ploil. "Der Unterschied: Jedes seiner Bilder enthält eine nachvollziehbare Geschichte."

Gemeinsam mit Alfred Kubin und Fritz v. Herzmanovsky-Orlando gilt Sedlacek als Urvater des österreichischen Phantastischen Realismus. Der studierte Ingenieur begann seine Berufslaufbahn im Technischen Museum Wien 1921. Seine wahre Liebe blieb allerdings die Malerei, die er berufsbedingt zumeist in der Nacht betrieb. Sein Oeuvre unterteilt sich in Früh- (1919–25) und Spätwerk (1925–39, danach Kriegsdienst). Unter der glatten Oberfläche seiner strengen, akribisch durchdachten Kompositionen lauert entweder beißende Ironie oder Furchterregendes, womit das Typische seiner Arbeiten charakterisiert ist.

Während Kubins Grauen schockierend ist, bleibt Sedlaceks hintergründig, womit er eine unvergleichbare fantastische Dimension schuf, wie das aktuell im Kinsky angebotene "Beim Moulagenmacher" (1932) zeigt. Eine Moulage (frz.: etwas formen) wurde bis in die 1930er-Jahre vor der Entwicklung der Farbfotografie in der Medizin verwendet, um besondere Krankheiten als Dokumentation plastisch nachzuformen, in Wachs zu gießen und zu bemalen. Sedlacek nimmt so Bezug auf Deformationen des Körpers und konnte dabei ganz sein fantastisches Repertoire ausleben.

Die Erwartungen für das 1932 ausgeführte Gemälde liegen bei 120.000 bis 200.000 Euro. Nicht unrealistisch, wie Ergebnisse von 2005 belegen: "Landschaft mit Funkturm" (1934) brachte bei Hassfurther 161.000 Euro, für das "Lied in der Dämmerung" (1931) hatte eine österreichische Sammlung entgegen der Mindesttaxe von 80.000 schließlich 160.000 Euro bewilligt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.6.2007)

  • Ausschnitt aus "Der Moulagenmacher", 1932, von Franz Sedlacek, dem Urvater des Phantastischen Realismus.
    foto: kinsky

    Ausschnitt aus "Der Moulagenmacher", 1932, von Franz Sedlacek, dem Urvater des Phantastischen Realismus.

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