Eigener Parcours statt Grand Tour

22. Juni 2007, 12:37
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Martin Fritz, Leiter des Festival der Regionen unter dem Motto "Fluchtwege und Sackgassen", im Interview

Das Festival der Regionen siedelt heuer entlang der Pyhrnautobahn zwischen Schlierbach und Windischgarsten. Festivalleiter Martin Fritz erklärt im Gespräch mit Margarete Affenzeller die Notwendigkeit dezentraler Bezugspunkte. Aufs steirische Pendant bleibt er gespannt.


Standard: Sie kommen gerade aus Venedig. Welchen Pavillon sollte man nicht auslassen?

Martin Fritz: Den holländischen, wo Aernout Mik das Aufeinandertreffen von Autorität und Bürger auf clevere Art zeigt. Er setzt Dokumentarisches mit Doch-nicht-Dokumentarischem ineinander.

Standard: Genau der Stoff, aus dem Projekte beim Festival der Regionen gemacht sind.

Fritz: Man springt eben auf Dinge an, die man mit der eigenen Praxis verbinden kann. Und es zeigt, dass wir diskursiv und qualitativ voll auf Augenhöhe produzieren.

Standard: Gibt es internationale Resonanz auf Ihr Festival?

Fritz: Absolut. Wir werden als Highlight bezeichnet. Andererseits sagen auch die Zahlen einiges aus: Für heuer gab es 330 Projektvorschläge aus 30 Ländern. Künstler gehen gezielt auf uns zu, weil sie merken, es ist ein guter Ort, um zu produzieren. So wie Walter Niedermayr und Karl Unterfrauner, die am Hauptplatz von Windischgarsten den richtigen Platz für ihre Betonskulptur gefunden haben (Anm.: ein riesiger Brückenpfeiler einer Hochgeschwindigkeitseisenbahn).

Standard: Resultiert die Qualität daraus, dass man sich auf eine konkrete Landschaft und ihre "Echtheit" konzentriert?

Fritz: Mit "echt" bin ich vorsichtig, das geht rasch in Richtung fragwürdiger Begriffe wie Authentizität und Identität. Gegen eine Identitätskonstruktion, die sagt "Nur bei uns gibt's Kasnudeln", verwehre ich mich. In Wahrheit gibt's irgendeine Form von Kasnudeln überall. Unsere Qualität liegt in den Produktionszusammenhängen, die sich hier vor Ort ganz anders gestalten, als es bei institutionellen Einladungen der Fall ist. Die Künstler nehmen hier ernst, was woanders nur behauptet wird, nämlich, dass Projekte und Veranstaltungen einen Kommunikationsprozess auslösen. Das könnte man auch in den Zentren ernst nehmen, nur müsste man sich stärker darauf konzentrieren. In New Yorker Museen gibt es schon lange Community-Boards.

Standard: Die Steiermark möchte statt Landesausstellungen nach dem Vorbild des Festivals der Regionen eine vergleichbare Biennale errichten.

Fritz: Unser Festival war in seiner Gründungsgeschichte ebenso die Alternative zu den Landesausstellungen, hat damit aber nichts mehr zu tun: Wir wollen Bezüge aufbauen zu zeitgenössischen Diskursen, die auch außerhalb der Zentren zu suchen sind. Ich gehe ja in Kirchdorf in Haushalte, wo die Baldessari-Einladung vom Mumok an der Wand hängt.

Apropos Venedig: Man sieht auch dort Produktionen, die an ganz konkreten Orten entstanden sind. Der Ortsbezug wird in den Kunstraum exportiert, und das Ding lebt dann vom Kontrast zum "white cube", in dem es steht. Wir aber zeigen diese Praxen dort, wo sie produziert werden, wo das Publikum erster Experte ist. Man steht nicht in einer Galerie und denkt: Aha, das Leben an einer Raststation. Bei uns steht man an der Raststation.

Standard: Dem steirischen Zukunftspendant stünde mit vier Millionen Euro auch etwa viermal mehr Geld zur Verfügung als Ihnen. Was bedeutet das für das Festival der Regionen?

Fritz: Da sehe ich schon eine Verschärfung der Konkurrenz- und der Profilierungssituation für uns. Aber den Steirern kann man es nicht vorwerfen, wenn sie so viel Geld auf den Tisch legen. In Oberösterreich sollte man darauf reagieren und uns mittelfristig stärken.

Standard: Ist es nicht unfair, wenn die Kopie besser ausgestattet ist als das Original?

Fritz: Es soll uns nichts Schlimmeres passieren als Erfolg. Wir müssen eben beweisen, dass wir mit unserer Erfahrung einen Schritt weiter sind. Unfair wäre es, wenn in der Steiermark der Bund mitfinanzieren würde. Da wäre kulturpolitisch Feuer am Dach.

Standard: "Region" signalisiert etwas Spezifisches innerhalb von Grenzen, aber genau das ist es offenbar ja nicht.

Fritz: Ja, es wäre genauso absurd, wenn man sagen würde, die Streif ist ein lokales Kitzbüheler Event. Ich verwehre mich gegen den Glauben, dass, wenn etwas "da draußen" vorliegt, auch das Bezugssystem auf "da draußen" beschränkt sein soll. Aber ich bevorzuge gegenüber dem Begriff "Region" solche wie "Orte", "Plätze", "Gegend". Mich interessiert auch mehr, was es auch dort gibt, und nicht, was es nur dort gibt: Auch in Kirchdorf an der Krems gibt es Migrationsprobleme, auch hier herrschen die global zunehmenden Mobilitätszwänge.

Standard: Konstruierten Land-Bildern von "Bauer sucht Frau" bis zu "Mei liabste Weis'" steht ja die Realität gegenüber.

Fritz: Zum Beispiel die von international agierenden Hochpräzisionswerkstätten oder Technologieparks.

Standard: Tritt das Festival auch gezielt an, um solche Bildzuweisungen zu sprengen?

Fritz: Absolut, diese Orientierung war von meinen Vorgängern schon gut vorbereitet, aber es war noch nicht klar, wie gut das in die avanciertesten Diskurse zeitgenössischer Kunst passt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.6.2007)

Zur Person:
Der 1963 in Klagenfurt geborene Martin Fritz, studierter Jurist, ist Kunstkurator und -koordinator. Er arbeitete u. a. am P.S.1 Contemporary Art Center/New York und bei der Manifesta 4 in Frankfurt am Main. Seit 2004 leitet er das Festival der Regionen.

Link: www.fdr.at

  • "Unsere Qualität liegt in den kommunikativ orientierten Produktionszusammenhängen": Festivalleiter Martin Fritz.
    foto: standard /hendrich

    "Unsere Qualität liegt in den kommunikativ orientierten Produktionszusammenhängen": Festivalleiter Martin Fritz.

  • Fluchtwege und SackgassenSchlierbach/Windischgarsten – Das 1993 gegründete Festival der Regionen in Oberösterreich ist zu einem künstlerisch bestens beleumundeten Festival gewachsen, das alle zwei Jahre dezentral, in wechselnden Gegenden des Bundeslandes, stattfindet. Heuer zeigen sich von 23. Juni bis 8. Juli unter dem Motto "Fluchtwege und Sackgassen" knapp dreißig Positionen (Plakataktionen, Skulpturen, Fotografie, Film, Performances) entlang der Pyhrn-Transitstrecke von Schlierbach bis Windischgarsten. Ein Shuttlebus wird jeweils an Samstagen und Sonntagen im 30-Minuten-Takt in der Festivalregion unterwegs sein. Beim Eröffnungsrundgang am 23. Juni können alle Projekte besucht werden. (afze)
    grafik: standard

    Fluchtwege und Sackgassen
    Schlierbach/Windischgarsten – Das 1993 gegründete Festival der Regionen in Oberösterreich ist zu einem künstlerisch bestens beleumundeten Festival gewachsen, das alle zwei Jahre dezentral, in wechselnden Gegenden des Bundeslandes, stattfindet. Heuer zeigen sich von 23. Juni bis 8. Juli unter dem Motto "Fluchtwege und Sackgassen" knapp dreißig Positionen (Plakataktionen, Skulpturen, Fotografie, Film, Performances) entlang der Pyhrn-Transitstrecke von Schlierbach bis Windischgarsten. Ein Shuttlebus wird jeweils an Samstagen und Sonntagen im 30-Minuten-Takt in der Festivalregion unterwegs sein. Beim Eröffnungsrundgang am 23. Juni können alle Projekte besucht werden. (afze)

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