Elfriede Gerstl ist 75

25. Juli 2007, 14:12
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"Hartnäckig Anwesende des nicht plakativen Feminismus" erhält heuer den Heimrad-Bäcker-Preis - Ihr Buch "Kleiderflug" erfährt Neuauflage

Wien - Elfriede Jelinek lobte die "unheimlich präzise Fragmenthaftigkeit" ihrer Gedichte, es gehe "nicht kürzer, nur länger, also schlechter". Gerade diese Knappheit, in der die Wiener Dichterin Elfriede Gerstl auch oft Alltägliches ohne poetische Überhöhung verdichtet, macht ihr Werk zu pointierten Schnappschüssen ihrer Zeit. Doch je mehr Schnappschüsse sich ansammeln, desto schneller wird deutlich, dass auch die Zeit vergeht. Am 16. Juni wurde Elfriede Gerstl 75 Jahre alt, am 19. Juni hat sie den Heimrad-Bäcker-Preis im Linzer Stifter-Haus erhalten. Am 21. Juni wurde die Neuauflage des Bands "Kleiderflug" im Jüdischen Museum Wien vorgestellt.

Einzige Autorin der Wiener Gruppe

"Alles was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen": Dieses Zitat von Elfriede Gerstl könnte als Motto über dem gesamten Oeuvre der Wienerin stehen. Die großen Würdigungen des Literaturbetriebs wurden der Autorin, die sich als einzige Frau in der Wiener Gruppe behaupten konnte, erst spät zuteil, dafür aber geballt: 1999 erhielt Gerstl sowohl den Erich Fried Preis - den ihr damals die Alleinjurorin Elfriede Jelinek zuerkannte - als auch den Georg Trakl Preis für Lyrik. 2003 folgte die Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien, im Jahr darauf der Ben-Witter-Preis, für den ebenfalls die Literaturnobelpreisträgerin die Laudatio hielt. Kommende Woche erhält sie den Heimrad-Bäcker-Preis. Anlässlich ihres Geburtstags publiziert die Edition Splitter eine erweiterte Auflage des bekannten Bandes "Kleiderflug" mit dem Untertitel "Schreiben-Sammeln-Lebensräume".

Lebensstationen

Elfriede Gerstl wurde 1932 als Tochter eines jüdischen Zahnarztes in Wien geboren. Den Nationalsozialismus überlebte Gerstl als Kind in diversen Verstecken in Wien. Nach 1945 studierte sie zunächst Medizin und Psychologie, brach 1960 aber ihr Studium ab, heiratete und brachte eine Tochter zur Welt. Erste Gedichte veröffentlichte sie in den 50er Jahren in diversen Zeitschriften wie "neue wege" und "protokolle". In den 60er Jahren ging sie - "weil es mir unmöglich war eine Gemeindewohnung zu bekommen" - als Stipendiatin von Wien nach Berlin, damals Fluchtpunkt vieler österreichischer Literaten, darunter Gerhard Rühm und H.C. Artmann. Nicht nur zur Wiener Gruppe, sondern zu allen relevanten literarischen Szenen hatte Gerstl in den 50er, 60er und 70er Jahren Zugang.

In Berlin entstand unter anderem der Gemeinschaftsroman "Das Gästehaus" (1965, u.a. mit Hubert Fichte und Peter Bichsel). Die (Schein-)Kommunikation der Berliner und Wiener Subkultur verarbeitete die engagierte Feministin später in ihrem Montageroman "Spielräume" (1977). 1973 brachte sie unter dem Titel "Berechtigte Fragen" einen Hörspielband heraus, "Vor der Ankunft" heißt ein 1986 erschienener Lyrikband; "Unter einem Hut" (1993) versammelt Gedichte und Essays und das Jugendbuch "die fliegende frieda" (1998) "sechsundzwanzig geschichten" zu Illustrationen von Angelika Kaufmann. 1999 kam der Lyrikband "Alle Tage Gedichte" heraus, 2001 erschien die "Neue Wiener Mischung. Gedichte und anderes".

Suche nach Erinnerungsfetzen

"Ein auf Füßen gehendes Gedicht" hat Elfriede Gerstl sich selbst einmal genannt. Die zierliche rothaarige und stets ausgesucht gekleidete Hutträgerin ist als solche eine stadtbekannte Erscheinung und Szenefigur. Das Tragen und Sammeln von nostalgischer Mode - literarisch verarbeitet unter anderem im Band "Kleiderflug. Texte - Textilien - Wohnen" (1995) - hat für sie "viel mit Suche nach Erinnerungsfetzen zu tun", erklärte sie einmal im "Falter"-Interview.

Geschlechterrollen

Gerstl schreibt Gedichte, Essays und kurze Prosastücke. Besonders dem Thema der Geschlechterrollen hat sie sich verschrieben. Für Andreas Okopenko ist sie deshalb die "hartnäckig Anwesende des nicht plakativen Feminismus". (APA)

  • "Kleiderflug, Schreiben-Sammeln-Lebensräume 2007", Edition Splitter, 80 Seiten, ISBN 978-3-901190-44-5, 19 Euro

    Links

    Edition Splitter

    Stifter-Haus
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      Die Schriftstellerin Elfriede Gerstl (Aufnahme vom Jänner 2003) feiert am 16. Juni 2007 ihren 75. Geburtstag.
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