Ein Mix aus Zellen und Panik

12. Juni 2007, 20:20
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Die embryonale Stammzellenforschung spaltet nach wie vor die Gesellschaft - Konferenz in Wien zum EU-Projekt Paganini

Die embryonale Stammzellenforschung spaltet nach wie vor die Gesellschaft. Forschung, die zum Beispiel in Großbritannien hoch gelobt wird, führt anderswo ins Gefängnis. In Wien fand eine Konferenz zum EU-Projekt Paganini statt. Ihr Ziel: neue gesellschaftspolitische Umgangsformen für dieses konfliktreiche Thema zu finden.

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Die Forschung geht manchmal seltsame Wege - und offenbar führen die sie nicht selten nach Wien. In der Aula der Universität zwischen Alserstraße und Spitalgasse endet heute, Mittwoch, eine Konferenz, die auf den ersten Blick recht absurd erscheint. Da saßen Stammzellforscher und Genetiker in trauter Gemeinsamkeit mit Sozialwissenschaftern; lauschten den gleichen Vorträgen oder plauschten über das, was beide gleichermaßen rührt: Wie die Biomedizin den Menschen helfen kann, ohne die Gesellschaft zu sprengen.

"Wir stehen mit den neuen Forschungsfeldern wie etwa der an menschlichen embryonalen Stammzellen und der Biotechnologie vor Konflikten, die neue politische Umgangsformen fordern", sagt Herbert Gottweis, Leiter der Konferenz, die zu dem europäischen Forschungsprojekt Paganini gehört. Der Wiener Politikwissenschafter erntete für seine Expertise in den modernen Lebenswissenschaften bereits internationale Anerkennung. Mit akribischer Pedanterie sammelt er Informationen, spricht mit Forschern, mit Ärzten, mit Regierungsvertretern rund um den Globus, um herauszufinden, welche Faktoren das Verhältnis von Biomedizin und Gesellschaft verbessern.

"Kaum ein anderes Gebiet hat die Gesellschaft, aber auch die Wissenschaft so gespalten, wie die Forschung an den humanen Stammzellen aus dem Embryo", sagt Gottweis. In ihnen steckt das Potenzial, dereinst Krankheiten verstehen oder sogar heilen zu können, da sie sich in jedwedes andere Gewebe überführen lassen.

Doch werden sie derzeit noch aus Embryonen gewonnen. Eine Vorgehensweise, die Kirchenvertreter auf die Barrikaden ruft. Wie kann es dazu kommen, dass man in Großbritannien für die Forschung beglückwünscht wird, während man etwa in Deutschland für dieselbe Arbeit ins Gefängnis ginge?, fragte sich Gottweis.

So lud er zu der Konferenz auch Stephen Minger, Leiter des ersten britischen Stammzelllabors am King's College in London, ein. Der Wissenschafter sah sich erst kürzlich einer Diskussion ausgesetzt. Haben er und seine Kollegen aus Newcastle doch vor, tierische und menschliche Zellen zu mixen, um an die begehrten Zellen zu kommen (siehe Interview). "Ich war von der Reaktion überrascht", gibt er zu. Gehört Großbritannien doch zu den Ländern, die die humane embryonale Stammzellforschung fördern und offen debattiert.

Doch damit war scheinbar auch für die Briten eine Barriere überschritten, die erst einmal einiger Diskussionen bedarf. Und für Gottweis begang in den folgenden Wochen etwas, was er als "Musterbeispiel" im Umgang mit ethischen Konflikten bezeichnet. Ganz offen wurde in Zeitungen und im Parlament über die Ängste, Schmerzen aber auch Hoffnungen gesprochen. Die Tageszeitung The Guardian eröffnete eigens ein Forum, in dem Minger seine Begründung darlegte, und in dem jeder seine Meinung dazu äußern kann. So kamen denn auch die Beweggründe der Forscher ans Tageslicht. "Es geht nicht darum, irgendwelche Chimären zu züchten", sagt Minger. Vielmehr will er den Missbrauch von Frauen als Legehenne für die Stammzellforschung verhindern.

Starker Verbrauch

Derzeit braucht man womöglich einige tausend Eizellen, um ein paar wenige Zelllinien herzustellen. Ein Verbrauch, der aus Mingers Sicht nicht zur rechtfertigen ist. "Wir wollen den Zellkern von menschlichen Zellen etwa aus der Haut in die Hülle von tierischen Eizellen pflanzen und dieses Konstrukt wenige Tage züchten, um daraus die Stammzellen zu gewinnen"; erklärt er. Nach britischem Recht müssen die Zellhybride spätestens am vierzehnten Tag vernichtet werden.

In die embryonalen Stammzellen möchten die Wissenschaftler die genetischen Veränderungen einfügen, die zu Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson führen. Leiden, die in der alternden Gesellschaft zunehmend mehr Menschen treffen werden. "In Tiermodellen können wir diese Erkrankungen nur verfälscht nachahmen", so Minger.

Der Zufall gibt der Diskussion um die Stammzellforschung weiteren Zündstoff. So veröffentlichte Rudolf Jaenisch vom Whitehead Institute in Cambridge in der letzten Ausgabe des Fachmagazins Nature ein Verfahren, mit dem sich heikle Zellen ohne weitere ethische Konflikte produzieren ließen. Er brachte mithilfe eines Virus Proteine in so genannte Fibroblasten, die vier interessante Gene einschalten. Sie setzen die Zellen in ihr Jungbrunnenstadium zurück. "Eine großartige Arbeit", bestätigt Minger.

Doch konnten die Wissenschafter dies bislang lediglich bei Mäusen zeigen und auch die Ausbeute ist noch relativ gering. Alles Probleme, die sich lösen ließen, meinen die Forscher. Schwerer wiegt wohl die Tatsache, dass zwei von den vier aktivierten Genen, bei der Bildung von Krebs eine maßgebliche Rolle spielen.

So bleibt die embryonale Stammzellforschung wohl in Ländern wie Deutschland und Österreich ein höchst umstrittenes Themengebiet. "Während früher Wohlstand und Einkommen die Gesellschaft beherrschten, stehen heute Lebensbereiche und Gesundheit im Mittelpunkt", sagt Gottweis, der auch Vizepräsident des Wissenschaftsfonds FWF ist.

Die Politik müsse sich darüber klar werden, dass Konflikte heute an diesen Themen geführt werden, weil sie die Zukunft der Gesellschaft bestimmen. (Edda Grabar/DER STANDARD, Printausgabe, 13. Juni 2007)

  • Stammzellenforscher arbeiten mit tierischem und menschlichem Material: Der Mantikor als Schreckens-vision eines Mischwesens.
    foto: der standard

    Stammzellenforscher arbeiten mit tierischem und menschlichem Material: Der Mantikor als Schreckens-vision eines Mischwesens.

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