Hamas sucht die Entscheidung

14. Juni 2007, 12:36
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Im Gazastreifen eskalieren die Feindseligkeiten - "Regierung der nationalen Einheit" existiert nur noch auf dem Papier

Im Gazastreifen eskalieren die Feindseligkeiten zwischen den beiden großen palästinensischen Bewegungen, Fatah und Hamas, deren "Regierung der nationalen Einheit" nur noch auf dem Papier existiert.

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Die Hamas fühlte sich am Dienstag bereits sicher genug, der Fatah ein "Ultimatum" zu stellen. Sie forderte die Fatah-Polizeikräfte im Norden des Gazastreifens zum Aufgeben auf. Sie sollen heimgehen und dort bleiben. In einer Erklärung erklärte die Hamas den Norden des Gazastreifens zu einem "militärischen Sperrgebiet" unter Kontrolle ihrer Ezzedin-al-Kassam-Miliz.

Offizielle Palästinenser-Vertreter nehmen erstmals das Wort "Krieg" in den Mund - die palästinensische Tourismusministerin Khouloud Daibes, am Dienstag zu Besuch bei Außenministerin Ursula Plassnik in Wien, sagte vor der Presse, die Palästinenser stünden "heute vor einem Bürgerkrieg". Fatah-Sprecher Ahmed Abdel Rahman machte in Ramallah eine "perverse Gruppe innerhalb der Hamas-Führung" verantwortlich.

Folgt man der Hamas-Propaganda, so übernahm sie am Dienstag die militärische Kontrolle über Sicherheitseinrichtungen im Norden und im mittleren Abschnitt des Gazastreifens sowie in der südlich gelegenen Stadt Khan Younis. Mehr als 90 Mitglieder der Präsidentengarde und der von der Fatah kontrollierten Polizei hätten sich ergeben, hieß es.

Die palästinensische Präsidentschaft hatte zuvor die Hamas bezichtigt, einen "Putsch" vorzubereiten, und drohte mit dem Rückzug aus der "Regierung der nationalen Einheit". Alles deute darauf hin, dass die politische und militärische Führung der Hamas versuche, den Gazastreifen gewaltsam unter ihre Kontrolle zu bringen, hieß es. Die Hamas versuche, das palästinensische Land "in einen entsetzlichen Bürgerkrieg" zu stürzen.

Am Montag waren die Kämpfe zwischen Hamas und Fatah wieder voll ausgebrochen, obwohl nach ägyptischer Vermittlung ein Waffenstillstand vereinbart worden war, um den 70.000 Schülern im Gazastreifen zu erlauben, ihre Schlussprüfungen an den Schulen abzulegen. Bei den Kämpfen starben mindestens 17 Menschen, wobei das Haus von Hamas-Ministerpräsident Ismail Haniyeh beschossen wurde und später ein hoher Fatah-Funkionär, Jamal Abu Jidian, aus seinem Haus gezerrt und mit 45 Schüssen getötet wurde.

Auch in Ramallah

Am Dienstag drohten die Feindseligkeiten zwischen den Fraktionen auf das Westjordanland überzugreifen. Fatah-Kämpfer besetzten in Ramallah einen Fernsehsender, der von der Hamas kontrolliert wird. Die Kräfte der Präsidentengarde hätten das Gebäude des Senders Al-Aqsa gestürmt, hieß es in palästinensischen Sicherheitskreisen. Der Chef einer ägyptischen Vermittlerdelegation, General Burhan Hamad, forderte die beiden Organisationen zu einer sofortigen Einstellung der "beschämenden Kämpfe" auf. Andernfalls werde er die palästinensische Bevölkerung gegen sie mobilisieren, drohte er - aber diese ist zwischen den Fronten gefangen.

Gewalt, Hoffnungslosigkeit und soziale Not bestimmen die Lage der eineinhalb Millionen Palästinenser im Gazastreifen. Die sich bereits seit der zweiten Intifada im Jahr 2001 verschlechternde Situation ist durch den Boykott des Westens, nach dem Wahlsieg der Hamas im Jänner 2006, noch dramatischer geworden. Ende 2006 lebten nach Angaben der Weltbank etwa 80 Prozent der Gaza-Bevölkerung in extremer Armut. Ein extremistischer Islam breitet sich immer mehr aus. (red)

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    Das Haus des getöteten Fatah-Funktionärs in Beit Lahiya (links): Abu Jidian selbst trafen 45 Kugeln.

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