Was nach der Hamas kommt

3. August 2007, 19:39
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In Gaza setzen sich Kräfte durch, die Premier Haniyeh gemäßigt aussehen lassen

Als im Sommer 2003 der erste bewaffnete Widerstand gegen US-Truppen im Irak auftauchte, bemühten manche Analysten den Vergleich mit der palästinensischen Intifada gegen die israelische Besatzung. So schief das Bild damals war (denn der Aufstand im Irak richtete sich vom ersten Moment auch gegen Iraker), heute gibt es Parallelen: wobei sich die Lage im Gazastreifen immer mehr der im Irak angleicht.

Damit ist nicht einmal so sehr die Bürgerkriegssituation selbst gemeint, sondern vor allem ihre Begleitumstände und Folgen: der Vormarsch eines extremistischen Islam, mit dem die "normale" Bevölkerung terrorisiert wird; der Rückfall in prämoderne Muster von Stämmen und Clans; die Militarisierung und Milizionisierung; und letztlich die religiöse Maskierung politischer und wirtschaftlicher Kriminalität. Jede primitive Straßengang trägt den Islam im Namen, sowohl im Irak als auch im Gazastreifen.

Die Ausgangssituationen sind sehr unterschiedlich, die Faktenlage sehr ähnlich: der Kollaps des Staates, oder im palästinensischen Fall der Verwaltung, kein Gewaltmonopol, eine Geschichte der realen und strukturellen Gewalt über Jahre hinweg und die totale Hoffnungslosigkeit und physische und psychische Verelendung der Bevölkerung. Nicht unähnlich auch die Situation in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon, wo sich Al-Kaida-affine Organisationen wie Krebs ausbreiten.

Dass das im Februar abgeschlossene Mekka-Abkommen zwischen Fatah und Hamas, auf dem die palästinensische Einheitsregierung basiert, nicht halten würde, war vorauszusehen. Keiner der Gründe für den Konflikt wurde damals behoben und ein entsprechender Prozess nie in Gang gesetzt.

Beide Partner waren dafür zu schwach: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bekam die ganze Wucht der israelischen und amerikanischen Enttäuschung zu spüren, die völlig unrealistische Erwartungen in ihn gesetzt hatten, und war danach noch weniger in der Lage, irgend etwas für die Palästinenser zu erwirken. So wurde auch das jüngste, vergangene Woche geplante Treffen mit Israels Premier Ehud Olmert abgesagt. Es ist sinnlos: Abbas wird nichts von dem, was er braucht - vor allem, aber nicht nur eine politische Perspektive - erhalten.

Was damals in diesem Ausmaß nicht ganz klar war: Auch Hamas-Premier Ismail Haniyeh ging aus Mekka geschwächt hervor. Der militärische Flügel der Hamas hat das Abkommen genauso als "Verrat" betrachtet, als Prinzipienausverkauf der Hamas. Haniyeh hat, spätestens seit den Kämpfen im Mai, massiv Einfluss und Kontrolle verloren.

Es ist also nicht mehr nur Hamas gegen Fatah. Der militärische Arm der Hamas greift nach der Macht im Gazastreifen. Wobei man jedoch Berichte über die großen militärischen Erfolge der Hamas cum grano salis lesen sollte, da ist viel Propaganda dabei - was wiederum zeigt, dass die Hamas in Gaza das Informationsmonopol hat. Aber die brutale Ermordung eines Parteigängers von Sicherheitberater Mohammed Dahlan, des "starken Mannes" der Fatah im Gazastreifen, am Montag hat großen Symbolcharakter. Von Dahlan selbst hat man länger nichts mehr gehört, angeblich ist er krank.

Jede dümmliche Schadenfreude einmal beiseite ("solange sie einander umbringen ..."), da gibt es wohl teilweise ein böses Erwachen auch in Israel: Der nächste in Gaza, mit dem man nicht reden wird, wird schlimmer sein als Haniyeh. Und danach kommen noch extremistischere Kräfte.

Der Westen ist nun vollends in der Zwickmühle. Wo seine Sympathien liegen, ist klar. Aber vor allen den USA droht durch ihre Hilfe für Mahmud Abbas' Präsidentengarde der Ruf, eine Bürgerkriegspartei zu unterstützen. Da können sie noch so oft beteuern, dass sie die Fatah-Elitetruppe zwar ausbilden und ausrüsten (lassen), aber nicht aufrüsten. Es wird heißen, die USA hätten den palästinensischen Bürgerkrieg gewollt. Noch eine Parallele zum Irak. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2007)

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