Gemeinsam durch Dick und Dünn

12. Juni 2007, 17:43
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Wenn zwei Menschen zueinander stehen, werden sie mit so ziemlich allem fertig: Das zeigt das Doppelprogramm "Ein neues Land" und "Transfamily"

"Ein neues Land" haben sich Astrid aus Berlin und Larissa aus Sibirien in St. Petersburg aufgebaut. In der russischen Stadt, wo in einer Population von rund 4,7 Millionen Menschen unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 17.000 und 40.000 Straßenkinder leben, haben sie einen Zirkus für Straßenkinder aufgebaut - und sich ineinander verliebt. Der gleichnamige 35-minütige Dokumentarfilm von Kerstin Nickig gibt kurze Einblicke in diesen Rückzugsort, vielmehr aber in ihre Realitätsrückkehr, wenn es beispielsweise Visaprobleme gibt, die das Reisen zwischen Deutschland und Russland erschweren.

So beschließen die zwei Frauen, auch aus diesem Grund in Deutschland zu heiraten. Ein bürokratischer Hürdenlauf beginnt, der ihre Beziehung auf eine harte Probe stellt und nur erahnen lässt, wie sehr Lesben und Schwule in Russland um Toleranz kämpfen müssen. Der gewählte Weg, der alles andere als einfach erscheint, wird in der Dokumentation weniger beleuchtet als kurzweilig gestreift, wodurch viele Punkte offen bleiben (zum Beispiel Grundlage und Resonanz des Zirkus und die Lebensgrundlage der zwei Frauen).

Wenn sich am Beginn von "Transfamily" Christina und Louis - ein Paar in mittleren Jahren mit Wohlstandsbäuchlein, das kurz vor der Hochzeit steht - auf einem Ausflugsdampfer präsentieren, dann ist das das perfekte deutsche Bürgerglück. 17 Jahre währt ihr gemeinsamer Weg bereits, und der hat auch ohne Probleme eine besondere Station passiert: Louis, der 42 Jahre lang in einem weiblichen Körper leben musste, hat sich in der Zwischenzeit allen gewünschten - und behördlich geforderten - Behandlungen unterzogen, um endlich als Mann leben zu können.

Das Besondere an Sabine Bernardis 29-minütiger Dokumentation ist der Humor, mit dem Louis und sein jüngerer Freund Carsten, ebenfalls ein Transmann, ihre Erfahrungen mit ihrem jeweiligen Übergang schildern. Probleme der Vergangenheit werden ohne Verbitterung erzählt - und manches, etwa das befreiende Gefühl nach der Brustentfernung oder das unfreiwillig komische Marktangebot an Penisimplantaten, löst bei den beiden unbeschwerte Heiterkeitsausbrüche aus. Carsten lebt heute mit einem Mann zusammen, und auch hier ist Transsexualität eindeutig kein Problem für die Beziehung. Was zugleich die Hauptbotschaft darstellt: Mit allem lässt sich fertigwerden, wenn zwei Menschen zueinander stehen. (dy/Josefson)

Ein neues Land
Kerstin Nickig, Deutschland 2004, Beta SP PAL, Farbe, 35 min, deutsch/russische OmeU – Österreich-Premiere.

Transfamily
Sabine Bernardi, Deutschland 2005, Beta SP PAL, Farbe, 29 min, OF – Österreich-Premiere

Donnerstag, 14.6., 19.30 Uhr, Top Kino
  • Astrid und Larissa in "Ein neues Land"
    foto: identities
    Astrid und Larissa in "Ein neues Land"


  • Christina und Louis in "Transfamily"
    foto: identities
    Christina und Louis in "Transfamily"
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