Steuerrechnung für "Second Life"

1. April 2008, 14:29
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Seit seiner Wahl zum ÖVP-Parteiobmann ist Wilhelm Molterer im "Second Life" präsent. Bald könnte er auch als Finanzminister auf Gewinne der Mitspieler schielen

Haben Sie kürzlich einen Ausflug ins "Second Life" – oder eine andere Online-Erlebniswelt – unternommen und dabei mit virtuellen Geschäften satte Gewinne gemacht? Dann kann es sein, dass Sie sich Gedanken über Ihre nächste Steuererklärung machen sollten. In vielen Staaten, allen voran den USA, wird nämlich derzeit der Frage nachgegangen, ob im "Second Life" (SL) erzielte Gewinne einkommensteuerpflichtig sind. Die Diskussion, die dort von einem Ausschuss im US-Kongress geführt wird, steht in Österreich erst am Anfang. Es ist jedoch zu erwarten, dass sich auch der heimische Fiskus früher oder später dem Thema widmen wird.

Worum geht es? In der virtuellen Welt des SL oder ähnlicher Erlebniswelten kann man einer großen Vielfalt virtueller Geschäfte nachgehen. Im SL lassen sich virtuelle Waren kaufen oder verkaufen, virtuelle Gegenstände mieten und vermieten, virtuelle Dienstleistungen erbringen und vieles mehr. Bezahlt wird für diese virtuellen Leistungen in der virtuellen Währung Linden-Dollar (L$). Wer sich hier als geschäftstüchtig erweist, kann es zu einem virtuellen Zusatzeinkommen oder – wenn man den Medienberichten glauben kann – bis zum SL-Millionär bringen. Die im SL erzielten Gewinne sind dabei nur virtuell.

Wer aber nun glaubt, dies schütze vor der Steuerpflicht, übersieht einen wesentlichen Punkt: Die virtuellen L$ können bei mehreren Online-Tauschbörsen – wie bei einer Wechselstube – in reales Geld umgewechselt werden. Zwar hängt der Wechselkurs – wie am realen Geldmarkt – von Angebot und Nachfrage von L$ ab, aber im Prinzip kann man seine L$ problemlos zu realem Geld machen.

Und genau dort könnte die Steuer ansetzen: Denn wenn das virtuelle L$-Einkommen auf diese Weise jederzeit in reales Einkommen konvertiert werden kann, liegt es nahe, auch bloß virtuelles Einkommen – analog zu in realer Fremdwährung erzieltem Einkommen – in die Einkommensteuerpflicht einzubeziehen. Dies erscheint auch auf den ersten Blick einsichtig, wenn es um Unternehmensgewinne geht: Es wäre kaum verständlich, warum etwa ein IT-Hersteller, der im SL Computerkurse gegen L$-Entgelt abhält, mit diesen Einkünften nicht steuerpflichtig sein sollte. Und warum sollte eine SL-Bank, die L$-Kredite vergibt, mit den dafür erhaltenen L$-Kreditzinsen nicht steuerpflichtig sein?

Aber sind deshalb auch die Gewinne jener SL-Teilnehmer steuerpflichtig, die das SL nicht "professionell" (in der Sprache des Steuerrechts: gewerblich) nutzen, sondern nur "zu privaten Zwecken"? Diese Frage ist ungleich schwieriger zu beantworten. Denn auf der einen Seite stellen die verdienten L$ auch in diesem Fall – wie beschrieben – ohne Zweifel einen geldwerten Vorteil dar. Auf der anderen Seite passen aber die verschiedenen Einkunftstatbestände des österreichischen Einkommensteuerrechts nicht gut zu virtuellen Transaktionen, weil es dort im Regelfall um reale Tätigkeiten geht, wie die Vermietung von (realem) Grundbesitz, die Veranlagung von (realem) Kapital, die Erbringung von (realen) Arbeitsleistungen oder die (reale) Veräußerung von Wirtschaftsgütern.

Werden solche Tätigkeiten wie im SL virtuell nachgeahmt, liegt die Parallele zu Spielgewinnen näher. Gewinne aus Lotterien, Glücksspielen oder Quizshows unterliegen im privaten Bereich nach traditioneller Auffassung nicht der Einkommensteuer.

Freilich ist nicht gesichert, ob dies tatsächlich auch für ein Spiel wie SL richtig ist, das von den Spielern miteinander um Geld (wenn auch „nur“ L$) gespielt wird. Hier könnte nämlich der Auffangtatbestand der "Einkünfte aus Leistungen" relevant sein, der dann greift, wenn ein Leistungsaustausch zur Erlangung eines wirtschaftlichen Vorteils stattfindet (mit einer Freigrenze von 220 Euro pro Jahr).

So hat die deutsche Rechtsprechung zum Fall des Kartenspiels die Steuerpflicht aus diesem Tatbestand zumindest in Erwägung gezogen (aber die Frage letztlich offen gelassen), weil schon die Teilnahme am Spiel um Geld – somit die Inkaufnahme der Möglichkeit von finanziellem Gewinn und Verlust – als "Leistung" der Spieler untereinander zu sehen sein könnte.

Unergiebige Quelle

Insgesamt scheint diese Frage derzeit nicht abschließend geklärt. Rechtspolitisch ist es von vornherein fraglich, ob es Sinn macht, im Privatvermögen erzielte SL-Gewinne tatsächlich steuerpflichtig sehen zu wollen. Denn gegen eine Steuerpflicht sprechen nicht nur die voraussehbaren Schwierigkeiten für einen wirksamen Steuervollzug, sondern die auch wohl nur geringe Ergiebigkeit dieser Steuerquelle. So mag es zwar in Einzelfällen die sagenumwobenen SL-Millionäre geben. Es ist aber anzunehmen, dass es nur ein sehr geringer Teil der SL-Teilnehmer tatsächlich zu ernsthaften SL-Gewinnen bringt, ohne die Schwelle der Gewerblichkeit zu überschreiten, wo jedenfalls von Steuerpflicht auszugehen ist. Bevor hier die SL-Community mit der Androhung einer Steuerpflicht für ihr Freizeitvergnügen in Unruhe versetzt wird, sollte daher zuerst der Nachweis geführt werden, dass es hier tatsächlich um "richtiges Geld" geht. (Claus Staringer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.06.2007)

Zur Person
Prof. Dr. Claus Staringer ist Partner von Freshfields Bruckhaus Deringer in Wien und lehrt Finanzrecht an der Wirtschaftsuniversität Wien.

claus.staringer@freshfields.com
  • In Online-Erlebnisspielen wie "Second Life" werden bereits ganz reale Gewinne gemacht. Kommerzielle Anbieter müssen diese Einkünfte jedenfalls versteuern. Ob auch private Mitspieler ihre virtuell verdienten Linden-Dollar dem Fiskus melden müssen, ist unter Rechtsexperten noch umstritten.
    foto: standard

    In Online-Erlebnisspielen wie "Second Life" werden bereits ganz reale Gewinne gemacht. Kommerzielle Anbieter müssen diese Einkünfte jedenfalls versteuern. Ob auch private Mitspieler ihre virtuell verdienten Linden-Dollar dem Fiskus melden müssen, ist unter Rechtsexperten noch umstritten.

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