Die U20-WM naht, der ÖFB-Teamchef im Interview über seinen zweigeteilten Kader und die Gruppengegner Kanada, Kongo und Chile
ballestererfm: Was sind kurz vor WM-Beginn die Hauptsorgen eines österreichischen U20-Teamchefs?
Paul Gludovatz : Das meiste habe ich schon hinter mir, jetzt geht es um die Details. Es gibt zwei große Brocken: Einerseits die Schule – einige wie Veli Kavlak haben den Maturaabschluss vor sich – und vor allem das Bundesheer. Wir haben aus dem aktuellen Kader nur drei Leute bei der HSNS, den Rest muss ich im Rahmen einer Good Will-Tour loseisen. Sie müssen in andere Abteilungen verlegt werden, wo sie frei bekommen für die Lehrgänge. Dazu kommt bei einigen Spielern, wie jenen von der Admira, die unsichere Vertragssituation. Es wäre nicht gut, wenn sie während der Vorbereitung die ganze Zeit mit ihren Beratern in Verhandlungen stehen. Das müssen wir in den Griff bekommen.
Bundesliga-Spieler wie Kavlak haben bereits Sommerpause, andere sind noch im Meisterschaftseinsatz. Ein Problem?
Das ist eine große Herausforderung. Wir haben Meisterschaftsenden in fünf unterschiedlichen Spielklassen von 20. Mai bis 15. Juni. In der Vorbereitung müssen wir also versuchen, sowohl zu entlasten, als auch zu belasten. Dazu kommt, dass Sebastian Prödl und Jimmy Hoffer am 27. Mai zum A-Team einrücken. Am 2. Juni kommen sie zurück, und vier Tage später will ich meine Vorbereitung beginnen. Wenn Sie das alles in einen Hut werfen, schafft es nur ein Zauberer, dass zum ersten Match am 2. Juli gegen Kongo alle topfit sind. Ich gehe nicht davon aus, dass das der Fall sein wird, sondern arbeite auf das zweite und dritte Match hin. Wir haben 22 Trainingseinheiten geplant, drei Spiele gegen Ried, Sturm und einen Erste Liga-Klub. Am 26. Juni werden wir in Richtung Kanada abheben.
Das Team reist also erst sechs Tage vor dem ersten Spiel nach Übersee. Sind da Umstellungsprobleme nicht vorprogrammiert?
Ich wäre auch gerne etwas früher hinüber geflogen, aber wir haben uns letztlich für diesen Plan entschieden, weil wir die Stimmung nicht über Wochen aufrechterhalten können. In den Tagen vor dem Abflug werden wir unsere gesamte Planung auf die Zeitumstellung ausrichten: also Frühstück um 11 Uhr, Training um 14 und 20 Uhr, um 23 Uhr Abendessen. Der Jetlag sollte von daher kein Problem für uns darstellen.
Werden Sie auf alle Ihre Wunschspieler zurückgreifen können oder müssen Sie auf Jüngere, die auch für die U19 einsatzberechtigt sind, im Hinblick auf die Heim-EM in Oberösterreich verzichten?
Wir tanzen mit einem Hintern auf vier Hochzeiten – es gibt neben der WM und der EM im Juli noch die U21-EM-Qualifikation im Herbst und das A-Team, das vor der EURO 2008 natürlich Priorität hat. Wünschenswert wäre, dass ich auf bis zu sechs U19-Spieler zurückgreifen kann. Gerade in dieser Altersgruppe drängen Jüngere sehr stark nach. Wir haben vereinbart, dass ich mit Kavlak und Michael Madl das Auslangen finden muss. Andere interessante Spieler wie Julian Baumgartlinger, Christoph Mattes, Marco Arnautovic oder auch Christian Ramsebner werden die U19-EM spielen.
Ziehen wir ein Resümee über die vergangene Saison. Wie sind Sie mit der Entwicklung Ihrer Spieler zufrieden?
Hier geht es um zwei Gruppen. Einerseits die Schlüsselspieler wie Junuzovic, Kavlak, Prödl und Hoffer, die regelmäßig zum Einsatz kommen und es sehr jung in den A-Teamkader geschafft haben. Noch wichtiger ist mir aber die zweite Gruppierung, die den Großteil des Kaders ausmacht, aber sehr unterschiedlich oft spielt. Die Entwicklung eines Peter Hackmair bei Ried ist zwar sehr erfreulich, aber es gibt viele Spieler, die teilweise gar nicht zum Einsatz kommen. Kapitän Daniel Gramann hat in den letzten vier Spielen nicht einmal beim Erste Liga-Absteiger Hartberg eine Chance erhalten. Martin Dollinger kommt bei Tirol kaum zum Einsatz, weil er vom Bundesheer nicht frei bekommt. Martin Harnik, der im Profikader von Thomas Schaaf bei Werder Bremen steht, ist nach einem Mittelfußknochenbruch erst seit kurzem wieder fit. Das macht mir schon Sorgen, denn mit nur drei oder vier Schlüsselspielern werden wir nicht reüssieren können.
Kann man daraus auch eine Kritik an den heimischen Vereinen ableiten, dass sie den Jungen zu wenige Entfaltungsmöglichkeiten bieten?
Diese Kritik bringe ich schon seit 15 bis 20 Jahren vor. Jetzt ist sie vergleichsweise noch am wenigsten angebracht, weil aus finanziellen Überlegungen viele Junge ihre Chance bekommen. Früher waren aber auch gute Spieler da, die keine Chance erhalten haben, weil teilweise
schlechtere Legionäre zum Einsatz gekommen sind.
Mit Kavlak und Junuzovic verfügt ihr Team über zwei »Zangler« klassischer Prägung. Bei anderen österreichischen Talenten hat man aber mitunter den Eindruck, dass die individuellen Stärken zu wenig ausgebildet sind…
Diese Kritik muss ich schlucken. Es wird uns zu Recht angekreidet, dass wir das allgemeine Niveau angehoben haben, aber die besonderen Spieler fehlen. Der kritische Punkt ist der Übergang von den Nachwuchsteams zu den Profis. Vielleicht müssen wir dort mit einem noch
spezielleren Programm ansetzen.
Der Name Sebastian Prödl ist bereits gefallen. Er hat erst im Dezember für Sturm sein Bundesliga-Debüt gegeben und steht jetzt bereits im A-Team. Kommt die Einberufung zu früh?
Wenn der Teamchef ruft, ist es okay. Hoffentlich hebt er nicht ab. Zuletzt hat er im U20-Match gegen Schottland einen blöden Rückpass gemacht und in der Bundesliga auf ähnliche Weise ein Tor für Pasching – das taugt mir natürlich nicht. Ich werde aber dafür sorgen, dass er am
Boden bleibt.
In Kanada herrscht ein irrsinniges Publikumsinteresse an der WM, über 600.000 Tickets wurden bereits verkauft. Wie erklären Sie sich das, wo es sich ja nicht unbedingt um ein traditionelles Fußballland handelt?
Der kanadische Verband will sich über das zweitwichtigste Fußballturnier der Welt international zeigen und im eigenen Land einen Boom auslösen. Verbandspräsident Linford hat bei der Auslosung erfreut erwähnt, dass neben der großen Nachfrage auch die Zeitungen, in denen Fußball ansonsten kaum vorgekommen ist, plötzlich über das Turnier berichten. Wir werden in Edmonton gegen Kanada wahrscheinlich vor 60.000 Zuschauern auflaufen, in Toronto gegen Chile und Kongo werden 40.000 erwartet – das ist eine Riesengeschichte.
Stichwort Gruppengegner: Wer ist aus dem Trio Kanada, Kongo und Chile die härteste Nuss?
Kongo ist der aktuelle Afrikameister und hat mit Fabrice Ondama den vielleicht besten Fußballer des Turniers. Um ihn buhlt ganz Frankreich. Nationen wie der Kongo wollen sich bei einem Turnier wie diesem im absolut besten Licht präsentieren, die Wertschätzung seitens des Verbandes und des Landes ist viel höher als hier in Österreich. Wir haben uns vor 24 Jahren zuletzt für dieses Turnier qualifiziert, trotzdem interessiert sich im Vergleich zur Heim-EM kaum jemand dafür. Das ist eine Kritik, auch wenn ich es nachvollziehen kann. Kanada wird sich mit einer Mannschaft präsentieren, die weltmeisterreif ist. Der Kapitän spielt bei Newcastle, dazu kommen 15 weitere Legionäre aus England, Deutschland und Italien. Chile ist ein extrem kompaktes, lauf- und spielstarkes Team, das unseren Beobachtungen zufolge mit Brasilien gleichzustellen ist. Die Spieler kommen in der Copa Libertadores durchwegs in den Kampfmannschaften zum Einsatz. Auch bei den Chilenen gibt es mit Arturo Vidal von Colo Colo einen herausragenden Spieler, um den unter anderen Leverkusen wirbt und der bereits jetzt mit einem Wert von acht bis neun Millionen Euro gehandelt wird. Zu unserem Vorteil könnte gereichen, dass dieser österreichische Jahrgang auf sieben erfolgreiche Turniere seit der U17 zurückblickt – also jeweils Vorrunde, Eliterunde und Endrunde. Wir waren bei der U17-EM in Frankreich Fünfter, mit der U19 in Polen Dritter. Darauf können wir aufbauen.
Das Gespräch führte Reinhard Krennhuber/ballesterer fm. Fotos: Stefan Radvanyi
Die U20-WM findet zwischen 30. Juni bis 22. Juli in Kanada statt. derStandard.at wird darüber natürlich intensiv berichten.