- "Religion hilft, diesen Druck zu bewältigen"

13. Juni 2007, 08:03
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Migrationsforscherin Heike Wagner im derStandard.at- Interview: Religions- Gemeinschaften können integrierend wirken, schreiben aber oft auch Hierarchien fest

Religiöse Gemeinschaften können integrierend wirken – oder aber MigrantInnen auf eine bestimmte Position festschreiben, sagt Heike Wagner im derStandard.at-Interview. Gleichzeitig stellt Religion auch eine wichtige Ressource im Migrationsprozess dar, erklärt die Katholizismus- und Migrationsexpertin, die insbesondere zu Ecuadorianerinnen in Madrid forschte. Die Fragen stellte Heidi Weinhäupl.

 

 

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derStandard.at: Wirken Religionsgemeinschaften aus ihrer Sicht als Katholizismus- und Migrationsforscherin eher integrierend oder desintegrierend?

Heike Wagner: Hier gilt es verschiedene Ebenen zu unterscheiden. Zunächst kommt es darauf an, ob wir über MigrantInnen-Gemeinden sprechen, wie beispielsweise die Pfarren der philippinischen Community in Wien, oder über gemischte Gemeinden. In beiden gibt es Möglichkeiten der Vergemeinschaftung, die sich aber auf unterschiedlichen Ebenen bewegen.

derStandard.at: Auf welchen?

Wagner: Die "ethnische" beziehungsweise migrantische Gemeinde bietet zum Beispiel Identitätsanker und einen geschützten Raum, in dem sich Netzwerke bilden können, die gleiche Sprache gesprochen wird und so weiter. Studien zeigen auch, dass MigrantInnen, die stärker in einem migrantischen oder ethnischen Verein verankert sind, sich dann auch leichter öffnen können – also offener sind für Integration.

derStandard.at: Doch besteht da nicht die Gefahr, dass sich Parallelgesellschaften bilden?

Wagner: Die Frage ist, was man unter einer Parallelgesellschaft versteht. Es kommt hier auf den gesellschaftlichen Kontext an – insbesondere darauf, welche sozialen Rahmenbedingungen, Diskriminierungserfahrungen usw. bestehen. In manchen Fällen können migrantische Gemeinschaften dann auch der Kontaktvermeidung dienen - dies darf aber nicht verallgemeinert werden. Auch den LateinamerikanerInnen in Madrid wird von SpanierInnen häufig vorgeworfen, dass sie sich abkapseln, beispielsweise wenn sie Prozessionen für Landesheilige abhalten oder eigene Messen feiern wollen.

derStandard.at: Gemeinsam beten, die Messe feiern, Nächstenliebe üben: Zumindest auf den ersten Blick erscheint doch eine Kirchengemeinde mit Einheimischen und Zugewanderten als Musterbeispiel der Integration.

Wagner: Nun, einerseits sind "migrantische Gemeinden" ja auch nicht rein migrantisch – schließlich kommen immer auch EhepartnerInnen, FreundInnen, Verwandte um gemeinsam die Messe zu feiern. Andererseits gibt es auch in "gemischten Gemeinden" Macht und Hierarchien. Diese verlaufen beispielsweise entlang der Herkunft oder, im Katholizismus, entlang des Geschlechts: Viele Migrantinnen wandern beispielweise auch aus, um sich ihre - teilweise gewalttätigen - Partnern zu verlassen, um eine andere Form des Frauseins zu leben. Katholische Gemeinden verweisen sie aber oft gerade wieder auf ihre Rollen als Ehefrau und Mutter und stigmatisieren unter Umständen diejenigen, die sich trennen und somit ihre Rolle verlassen wollen. In dieser Hinsicht kann die Integration in einer kirchlichen Gemeinde und deren Druck also ambivalent wirken.

derStandard.at: Umgekehrt bieten religiöse Gemeinschaften aber auch Informationen und Integration auf verschiedenen Ebenen für MigrantInnen.

Wagner: Die Netzwerke stellen sicher einen bedeutenden Vorteil von religiösen Gemeinden wie auch anderen migrantischen Gruppen dar – vor allem für Illegalisierte, die so auch Zugang zu Hilfsangeboten und wichtigen Informationen erhalten. Aber auch das kann ambivalent sein, weil in Netzwerken oft nur bestimmte Informationen gegeben werden und andere Informationsquellen nicht mehr eingeholt werden.

derStandard.at: Zum Beispiel?

Wagner: Beispielsweise wird in einer fremdsprachigen Gemeinde in Wien der Name eines Arztes weitergegeben, der gegen 30 Euro Menschen ohne Papiere privat behandelt; die NGO-Gratis-Angebote kennen die meisten aber nicht. Netzwerke sind aber gleichzeitig entscheidende Ressourcen - emotional, sozial sowie bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Beispielsweise konzentrierte sich die Sozialarbeit der Opus-Dei-nahen Gemeinde in Madrid, in der ich meine Forschungen durchführte, auf Arbeitsvermittlung in Privathaushalte. Allerdings wurden die Migrantinnen in erster Linie zugunsten der spanischen ArbeitgeberInnen, die wiederum Gemeindemitglieder waren, eingesetzt.

derStandard.at: Nach welchen Kriterien kann dies beurteilt werden?

Wagner: Im Zentrum der Sozialarbeit der betreffenden Pfarre stand, was ja positiv zu sehen ist, die Arbeitsvermittlung unter dem Motto "Ausbildung statt Almosen". Gelehrt wurde in einem mehrwöchigen Kurs Kochen, Altenpflege sowie Handarbeit. Anschließend wurden sie idealerweise in einen Haushalt vermittelt. Die Migrantinnen wurden dabei aber generell als "unzivilisiert" und ungebildet behandelt, wodurch ihre scheinbar natürliche Rolle als Haushaltsarbeiterinnen legitimiert wird. Dies ist im Falle der ecuadorianischen Migrantinnen umso absurder, da diese überwiegend aus der Mittelschicht kommen und ihr Bildungsniveau über dem spanischen Durchschnitt liegt. Die Migrantinnen wurden auch angeschrieen und somit diszipliniert im Hinblick auf eine vordefinierte Hauptqualität als Haushaltsarbeiterin, nämlich die Unterwürfigkeit und das Akzeptieren von Hierarchien.

derStandard.at: Die eigentliche Vermittlung einer Stellung als Haushaltsarbeiterin kann aber – angesichts dessen, dass die Arbeitschancen in anderen Bereichen gering sind – doch positiv gesehen werden.

Wagner: An sich schon. In diesem Fall zielt meine Kritik jedoch darauf ab, dass die Pfarre ihre Mittlerrolle nicht dazu benutzte, Mindeststandards für vermittelte Arbeit festzulegen. Argumentiert wurde im Gegenteil, dass das Herkunftsland "unterentwickelt" sei: "500 Euro sind ja in Ecuador viel Geld". Man legitimiert also den schlechten Lohn für Pflege, Kinderbetreuung und Haushaltsführung durch den transnationalen Kontext, ohne die hohen Lebenserhaltungskosten in Spanien mit einzubeziehen. Auch schlechte Behandlung und kaum Freizeit wird dabei in Kauf genommen – nach dem Motto: "Wenn sie keine Papiere haben, müssen sie nehmen was sie kriegen." Dabei könnte die Gemeinde in ihrer starken Mittlerposition viel bewegen – Mindestlöhne, Höchstarbeitszeiten oder freie Tage verhandeln. Andere Organisationen machen dies durchaus.

derStandard.at: Liegt dieses Versäumnis in der Religion bzw. dem Katholizismus begründet?

Wagner: In dieser Gemeinde wurde ein katholisches Frauenideal der "für-Andere-Da-Seienden" und "Hausfrau" verbunden mit dem Arbeitsverständnis des Opus Dei, welches von "Heiligung durch Arbeit" und einer Spiritualität des Opfers ausgeht. So wurden Machthierarchien verschleiert, Differenzen und Rollenzuschreibungen je nach Herkunft verfestigt und die Migrantinnen hin zur Akzeptanz dieser unterschiedlichen Positionen erzogen, alles vor dem Hintergrund christlicher Grundsätze.

derStandard.at: Welche Rolle spielt Religion im Migrationsprozess selbst? Migrieren eher religiöse oder weniger religiöse Menschen?

Wagner: Das kann man so generell nicht sagen. Klar ist: Gerade für MigrantInnen stellt Religion auch eine Ressource und Strategie dar. Immerhin befinden sie sich, vor allem auf der Reise und kurz nach ihrer Ankunft, in einer unsicheren Position und stehen unter großem physischen und psychischen Druck. Religion hilft, diesen Druck zu bewältigen. In meiner Forschung waren risikofreudige Menschen häufig religiös: Sie fühlen sich als Teil eines großen Plans und das bedeutet einen Rückhalt, um seinen Weg weiterzugehen. Zudem bieten religiöse Prozessionen und Rituale den MigrantInnen auch die Möglichkeit, aufzutreten und sichtbar zu werden - also Platz zu beanspruchen, der gerade Illegalisierten sonst vorenthalten wird. Mittlerweile gibt es in Madrid mehrere Heiligenprozessionen, an denen mehrere Tausend EcuadorianerInnen teilnehmen, zum Beispiel zum Fest der "Virgen del Quinche", die auch "Jungfrau der Illegalisierten" genannt wird.

derStandard.at: Wie wird die Religiosität der LateinamerikanerInnen von Seiten der SpanierInnen bewertet?

Wagner: Auch das ist höchst unterschiedlich. Prinzipiell wird LateinamerikanerInnen in Spanien zugeschrieben, dass sie besonders religiös sind – in den häufig abwertenden Diskursen wird dies von spanischen KatholikInnen mitunter als das "einzig Positive" gesehen, als etwas, das SpanierInnen von EcuadorianerInnen lernen könnten. Somit gab es über den Katholizismus auch eine Gemeinsamkeit. Andererseits werden Latinos/as in religiösen Diskursen häufig als "abergläubisch" und "unzivilisiert" konstruiert und somit als eine Gefahr für den „wahren Katholizismus“, beispielsweise vom Opus-Dei-nahen Pfarrer der erwähnten Gemeinde. (Heidi Weinhäupl, derStandard.at, 12.6.2007)

  • Religion als Identitätsanker in schweren Zeiten: Die ecuadorianische Nationalheilige Maria von Quinche erhielt in Spaninen auch den Beinamen "Virgen sin Papeles" (Jungfrau ohne Papiere) - angeblich kam die Replikation ihrer Statue ohne Papiere in Spanien an.
    foto: internet

    Religion als Identitätsanker in schweren Zeiten: Die ecuadorianische Nationalheilige Maria von Quinche erhielt in Spaninen auch den Beinamen "Virgen sin Papeles" (Jungfrau ohne Papiere) - angeblich kam die Replikation ihrer Statue ohne Papiere in Spanien an.

  • Prozessionen - hier von PeruanerInnen zu Ehren des "Herr der Wunder" in Madrid - bieten für MigrantInnen auch eine Gelegenheit, öffentlich zu werden und Raum zu besetzen, der ihnen sonst nicht zugestanden wird.
    foto: internet

    Prozessionen - hier von PeruanerInnen zu Ehren des "Herr der Wunder" in Madrid - bieten für MigrantInnen auch eine Gelegenheit, öffentlich zu werden und Raum zu besetzen, der ihnen sonst nicht zugestanden wird.

  • Zur Person 
Heike Wagner, Sozialanthropologin mit Schwerpunkt Katholizismus- und Migrationsforschung sowie Haushaltsarbeit, unterrichtet am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Momentan arbeitet sie an einem Projekt zu ecuadorianischen Haushalts-Arbeiterinnen in Madrid.
    foto: privat

    Zur Person
    Heike Wagner, Sozialanthropologin mit Schwerpunkt Katholizismus- und Migrationsforschung sowie Haushaltsarbeit, unterrichtet am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Momentan arbeitet sie an einem Projekt zu ecuadorianischen Haushalts-Arbeiterinnen in Madrid.

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