Michael Hamburger 1924–2007

12. Juni 2007, 12:23
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Britischer Lyriker mit deutschen Wurzeln: Mit seinem Tod endet ein Stück weit auch ein poetisches Weltzeitalter

Saxmundham – Mit dem Tod des aus Deutschland gebürtigen, mit seiner Muttersprache ein Leben lang verbunden gebliebenen Michael Hamburger (83) endet ein Stück weit auch ein poetisches Weltzeitalter: Der in Suffolk lebende Lyriker war nicht nur der Traumprotokollant einer weniger der Vernichtung als der schleichenden Entzauberung anheim gegebenen Natur.

Hamburger, der mit seiner Familie anno 1933 aus Berlin über Edinburgh nach London emigrierte, war einer der begnadeten Erotiker des Dinggedichts: Hamburger verstand es, eine seit Vergils Eklogen verloren geglaubte Gattung aus den Feuern der Naturschönheit herauszureißen.

Hamburgers Gedichte sind wie Versiegelungen – was den in Suffolk lebenden Züchter von Apfelbäumen mit der Flüchtigkeit versöhnt haben mag, war die "Gegenstandsbezogenheit" eines ausgenüchterten Parlandos, in dem Kultur und Natur auf reizvolle Weise zur Deckung gelangten.

Hamburger erschrieb sich auf die denkbar unspektakulärste Art seine tatsächlich weltweit reichende Geltung: Er umschiffte die Kliffs der Moderne (Eliot, Pound). Er verwaltete das Geschenk einer "Mühelosigkeit", der – scheinbar – die banalsten "Gegenstände" zu Diskursbestandteilen wurden. Was zugleich viel zu gestelzt klingt: Denn Hamburgers Gedichte fischen nach dem gesprochenen Wort, und sie sind, in den glücklichsten Fällen, Überprüfungen von Tatbeständen – eingesponnen in ein ruheloses Wägen und Zählen der vermeintlich sicheren "Besitzstände". Hamburger wollte "sicheren Fußes" die Erde queren. Er übersetzte beispielhaft Hölderlin – und gehörte in eine Kaste mit Dichtern wie Seamus Heaney, Ted Hughes oder Yves Bonnefoy. Er starb nunmehr in Suffolk. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 12.06.2007)

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    foto: folio verlag
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