Es ist der Kopf, der raucht

11. Juni 2007, 18:52
2 Postings

Die seit März zugelassene Raucher­entwöhnungs­pille Champix setzt da an, wo Nikotin im Gehirn wirkt

Die bisherigen Studienergebnisse machen Hoffnung, versprechen aber auch keine Wunder. Denn Nikotin macht ähnlich abhängig wie Heroin oder Kokain.

Früher selbst geraucht

"Mein Vater war ein starker Raucher und starb an einem Lungenemphysem", sagt Jo-tham Coe. "Und mein Onkel erwischte es vor einem Jahr mit Lungenkrebs. Beides keine schöne Art zu sterben." Der US-amerikanische Chemiker hat früher selbst einmal geraucht. Aufgehört hat er damit aber schon vor vielen Jahren - damals noch ohne jene medizinische Hilfe, die er maßgeblich mitentwickelte und die seit ersten März unter dem Namen Champix auch in Österreich erhältlich ist.

Molekül Vareniclin synthetisiert

Vor genau zehn Jahren gelang es Coe mit seinem Forscherteam nämlich, das Molekül Vareniclin zu synthetisieren. Diese in Champix enthaltene Wirkstoff setzt dort an, wo die Nikotinsucht zu Hause ist: im Gehirn nämlich. Umständlich medizinisch formuliert funktioniert Vareniclin sowohl als ein partieller Nikotin-Acetylcholin-Rezeptor-Agonist als auch als ein partieller Antagonist. Was ähnlich komplizierter klingt, wie es funktioniert - oder zumindest: wie die Wissenschaft denkt, dass es funktioniert.

Suchtmechanismus

Es geht aber auch einfacher, wenn man sich mit ein paar Grundeinsichten in die Wirkweisen von Nikotin zufrieden gibt. In gerauchter Form erreicht das Suchtmittel, das eigentlich Tabakpflanzen vor Schädlingen schützt, über das Blut das Gehirn. Dort dockt es an Rezeptoren (ebenjenen für des Neurotransmitters Acetylcholin) an und führt an anderer Stelle - dem Nucleus Accumbens - zur Ausschüttung von Dopamin. Und das wiederum sorgt rund zehn Sekunden nach dem Lungenzug für Wohlgefühl.

Halbwertszeit von zwei Stunden

Da Nikotin eine Halbwertszeit von zwei Stunden hat, ist der Wunsch nach entsprechender Zufuhr bald wieder da. Dazu kommt, dass Nikotin das Gehirn von Rauchern verändert, wie Scott Leischow erklärt, Mediziner und Rauchfolgenexperte an der Universität von Arizona. "Tabakkonsum führt dazu, dass sich zusätzliche Rezeptoren ausbilden, die den Wunsch nach Nikotinzufuhr entsprechend erhöhen - und nur sehr langsam wieder abgebaut werden."

Geringere Dopaminausschüttung

Vareniclin hilft die Nikotinabhängigkeit auf zwei komplementären Wegen zu bekämpfen. Es bindet auf der einen Seite am Nikotin-Rezeptor, allerdings mit geringerer Wirkung und ohne entsprechend süchtig zu machen. Das ist die Agonisten-Eigenschaft von Champix. Die Agonisten-Eigenschaft besteht auf der anderen Seite darin, dass bei Rückfällen - also wenn Entwöhn-Kandidaten sich doch eine Zigarette genehmigen - entsprechend weniger Dopamin ausgeschüttet wird, und damit das mit der Zigarette verbundene Wohlgefühl vermindert wird.

Keine Wunder erwarten

Das klingt neurophysiologisch sehr überzeugend, zumal wenn vom Champix-Miterfinder Jotham Coe vorgetragen. Das Medikament hat sich aber auch in den bisherigen Studien bewährt. Doch obwohl das neuartige Medikament erstmals direkt bei den Suchtmechanismen im Gehirn ansetzt, darf man sich keine Wunderdinge erwarten, wie jene zwei Untersuchungen zeigten, die unter Beteiligung des Herstellers Pfizer in Phase III (also vor der unmittelbaren Zulassung des Medikaments) stattfanden.

Studienergebnisse

Insgesamt nahmen an den Studien über 2000 Nichtraucher-Kandidaten teil, die im Schnitt mehr als zwanzig Jahre lang rauchten und zu 85 Prozent schon mindestens einen Versuch hinter sich hatten, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie wurden zwölf Wochen lang mit Champix behandelt. Zusätzlich war während der Einnahme und der folgenden Nachbeobachtung mehr als weitere 40 Wochen lang regelmäßige psychologische Unterstützung vorgesehen.

Grenzen des Medikaments

Nimmt man nun die klinisch relevanten Erfolge - also Personen, die im gesamten maßgeblichen Untersuchungszeitraum ab der achten Woche nicht zum Glimmstengel griffen - dann zeigen sich indes auch die Grenzen des neuartigen Medikaments: Das schaffte nämlich nicht einmal jeder Vierte der Studienteilnehmer. Im Vergleich zum Plazebo zeigte Champix indes ganz eindeutige Vorteile (knapp zehn gegenüber 23 Prozent). Und auch verglichen mit dem Konkurrenzprodukt Zyban, das bei rund 15 Prozent der Teilnehmer zum erwünschten Erfolg führte, zeigte sich Champix leicht überlegen.

Körperliche Entzug alleine zu wenig

Die letztlich doch nicht übertrieben hohe Erfolgsrate der neuen Raucherentwöhnungspille verweist zum einen darauf, dass die Nikotinsucht in ihrer Stärke durchaus mit jener von Kokain oder Heroin vergleichbar ist, wie Scott Leischow betont. Zum anderen machen die bisherigen Zahlen aber auch klar, dass neben der körperlichen Bekämpfung der Sucht verhaltenstherapeutische Begleitmaßnahmen unumgänglich sind: Sie erhöhen die Erfolgsrate der Medikamente um rund die Hälfte.

Prägende Ereignisse

"Das lässt sich auch physiologisch erklären", ergänzt Leischow. Im Vorderhirn - also ganz in der Nähe jenes Ortes im Gehirn, wo Dopamin ausgeschüttet wird - kämen gewissermaßen Biologie und Verhalten zusammen. "Das Gehirn prägt sich ein, wann geraucht wird, zumal das oft genug angenehme Anlässe sind wie gemütliche Runden mit Freunden oder Konzertbesuche." Entsprechend schwierig ist es, diese Routinen zu durchbrechen.

Nebenwirkungen

Dazu kommt, dass sowohl bei Cyban wie auch bei Champix die Nebenwirkungen nicht ganz gering sind: Immerhin klagten rund 30 Prozent der Studienteilnehmer bei der Nikotinentwöhnungspille über Übelkeit, mehr als 20 Prozent über Schlafstörungen.

Aufhören zahlt sich aus

Dennoch ist Champix den Aufwand von rund 420 Euro für eine zwölfwöchige Entzugskur wohl wert. Die zehn Jahre, die Tabakkonsumenten im Vergleich zu Nichtrauchern im Schnitt früher sterben, können fast vollständig "zurückgewonnen" werden, wenn man vor der Lebensmitte, also rund um die 40, mit dem Rauchen aufhört. Mehr als 90 Prozent der Risiken und Schäden, die mit dem Tabakkonsum verbunden sind, lassen sich wiedergutmachen, und das lässt nicht nur auf einen späteren, sondern auch angenehmeren Tod hoffen.
(Klaus Taschwer aus Chicago/MEDSTANDARD/11.06.2007)

  • Artikelbild
    grafik: medstandard
Share if you care.