Ein mäanderndes Lied: Ulrich Rasche im Interview

20. April 2008, 18:30
posten

Der deutsche Regisseur über sein Projekt "This Is Not A Love Song", das am Montag bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wird

Wien - Einige "schauerliche Lieder" wolle er ihnen vorsingen, kündigte Schubert seinen Freunden an, bevor er ihnen Ausschnitte aus seiner Winterreise vortrug. Intime Liebesbotschaften an Clara Wieck sah Robert Schumann in einigen seiner Liedkompositionen, in die die Kämpfe um seine Braut hineinstrahlten. Als "Liedgut" sind die berühmtesten einschlägigen Werke beider Komponisten längst zum Allgemeingut geworden. Dass dabei unter den Bedingungen des Konzertlebens kaum mehr zu ihrem existenziellen Kern vorgedrungen werden kann, ist ein Gemeinplatz. So hat es rund um diese Lieder bereits etliche Auseinandersetzungen gegeben, um ihnen wieder Unmittelbarkeit abzuringen.

Das Projekt von Ulrich Rasche setzt allerdings ganz woanders an als die zahlreichen Aktualisierungsversuche, möchte nicht "zurück" zu einem verdeckten Innersten der Lieder. Am Beginn von This Is Not A Love Song stand vielmehr ein Widerspruch, den der Regisseur in den Liedern von Schubert oder Schumann erblickte: "All die Männer, die im romantischen Lied von unglücklicher Liebe und Tod singen, tun dies mit einer großer Differenziertheit der Emotionen, die eine erhebliche Verbundenheit zu ihrem Ich voraussetzt. So habe ich mich gefragt, warum diese Figuren liebesunfähig sein sollen, wenn sie sich so genau über ihr Innenleben ausdrücken können."

Im Kollektiv des Männerchors, für den die romantischen Komponisten ebenso schrieben, ist diese Merkwürdigkeit dann noch gesteigert: "Eine Gruppe von Männern, die sich trifft, um zusammen von Leid und Einsamkeit zu singen - das hat mich stutzig gemacht. Der Zwang, sich zu verabschieden, der in diesen Liedern artikuliert wird, passt nicht zusammen mit dem Männerchor, der auch eine soziale Qualität hat."

Das Klösterliche

Die Situation des Männerchors im 19. Jahrhundert war Anlass, im Jugendstiltheater eine klösterlich anmutende Zurückgezogenheit vom Leben zu zeigen. In den Kojen eines von der bildenden Künstlerin Monica Bonvicini entworfenen Kreuzgangs sitzen die Männer anfangs und singen bruchstückhaft Lieder von Schubert und Schumann. "Dann", schildert Rasche, "gibt es auch Gruppen von Männern, die zusammen und miteinander singen, als ob sie eine Situation nachstellen würden, in der Schubert und seine Freunde sich gegenseitig an ihrem Liebesleid ergötzen."

Der Intimität der Lieder entspricht in diesem ersten Teil zum einen die Nähe, in die das Publikum mit den Singenden auch räumlich treten kann. Auf engstem Raum sollen die dargestellten Emotionen unmittelbar glaubwürdig erscheinen, eine Identifikation mit dem "fühlenden Menschen" (Rasche) erlauben. Was hier noch wie eine sich selbst genügende soziale Zusammenkunft anmuten mag, wird im weiteren Verlauf des Abends gebrochen: Während sich die Männer zum Chor vereinen, tritt im zweiten Teil der "szenischen Installation" eine Gruppe von Frauen auf den Plan, die die romantischen Liebesbilder mit einem reflektierenden Text konfrontiert. Die Schauspielerinnen skandieren Ausschnitte aus der Studie "Liebe als Passion" von Luhmann, in der der deutsche Soziologe Liebe nicht als Gefühl, sondern als Code bestimmt hat, "nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen kann".

Die Aussagen

Für Rasche, der schon in Bochum und Stuttgart Projekte mit Sängern und Schauspielern gestaltet und im Berliner Palast der Republik ein Aufsehen erregendes Projekt über die Arbeitslosigkeit mit Profis und Laiendarstellern realisiert hat, ist es zentral, die signifikanten Aussagen der Lieder herauszuschälen - um dann zu zeigen, dass auch Schubert, Schumann und ihre Textdichter wie Wilhelm Müller und Heinrich Heine an der Ausdifferenzierung dieses "Liebes-Codes" mitgewirkt haben. Die Lieder werden dabei in thematischen Feldern wie zum Beispiel dem des Traums zusammengefasst und einem Sampling-Verfahren wie in der DJ-Kultur unterzogen. In ähnlicher Weise, wie der Minimal-Music-Komponist Terry Riley die Patterns seines Stücks "In C" übereinander geschichtet ablaufen lässt, treffen die Bausteine aus den einzelnen Liedern und aus den Luhmann-Zitaten aufeinander und treten in einen Dialog, wobei Sprache und Musik gleich behandelt werden und auch die Bewegungen der Akteure einem auskomponierten Rhythmus folgen.

Hinsichtlich der Geschlechterrollen findet währenddessen eine Übertragung statt, die die Rollenverteilung umkehrt: "Durch den Kommentar der Frauen werden die Männer mit ihrer Körperlichkeit und Sexualität zu Objekten, die Darstellung ihrer Emotionen wird hinterfragt, dekonstruiert. Dennoch kann am Ende des Abends, der ein großes, mäanderndes Lied, sozusagen ein Liebeslied ex negativo bildet, vielleicht eine neue Idee von Liebe entstehen." (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.6.2007)

Jugendstiltheater: 11., 13., 14., 15. und 16. Juni, 20.00; 13.-16. Juni: Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung
  • Ulrich Rasche befragt für die Festwochen Lieder von Schubert und Schumann neu: "Es kann am Ende des Abends vielleicht eine neue Idee von Liebe entstehen."
    foto: festwochen

    Ulrich Rasche befragt für die Festwochen Lieder von Schubert und Schumann neu: "Es kann am Ende des Abends vielleicht eine neue Idee von Liebe entstehen."

Share if you care.