Fluchtwege aus Venedig

10. Juni 2007, 19:59
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Die 52. Kunstbiennale ist Kurator Robert Storr recht sauber geraten. Man könnte auch sagen: "fad"

Halden voller Korrektheitsbezeugungen werden von Grottenbahnartigem rhythmisiert. Es gibt aber auch Auswege aus dem Dilemma.


Während in der Welt der Wissenschaft die Erfüllung des alten Traums vom Beamen immer noch winzigsten Teilchen vorbehalten ist, kann das Universum der bildenden Kunst diesbezüglich einen entscheidenden Durchbruch vermelden: Die Technologie kommt aus Luxemburg und funktioniert erstens, weil sie Lowest-Tech ist, und zweitens, weil man gerade im Venedig der Kollisionszeiten von Kunst- und gemeinen Touristen immer wieder einmal ganz schnell weg will.

Das Tor zur Flucht findet sich in einer Ecke nahe des Palazzo Grassi und wird von Luxemburg aus gesteuert. Hinein darf jeder - ein Glück aber, dass viele das nicht nutzen. Jill Mercedes hat dort Räume eingerichtet, die zunächst eines sind: nicht in Venedig. Hinter der Fassade eines klassischen venezianischen Mittelklassebaus wartet eine Raumfolge, die sehr frei das Koloniale interpretiert, frisch angelegt duftende Ölsockel mit Deckenventilatoren, hölzernen Jalousien und einer Geräuschkulisse von ganz woanders kombiniert. Leider ist der Jeep in die nähere Umgebung dieser Körper wie Geist in gleichem Maß zuträglichen Umgebung dann doch wieder ein Vaporetto.

Und weiter geht's: Schräg gegenüber im Dorsoduro hält Karl Lagerfeld für einen Tag Hof, präsentiert in Anwesenheit von Zaha Hadid deren Entwurf zu einem so genannten "Contemporay Art Container", einem zerlegbaren und also transportablen Kleinmuseum, das Chanel beginnend mit Jänner 2008 auf eine Welttour schicken will: Hongkong, Tokio, New York, London, Moskau, Paris. Die mobile Einheit ist derart futuristisch, dass man gerne glaubt, die noch nicht näher genannten Künstler, die dort präsentiert werden sollen, hätten allesamt eigens für den Pavillon Arbeiten entwickelt. Ein Ausstieg jedenfalls war die Präsentation ebenso wie jene von Luxemburg: Inmitten riesiger Gebinde gefüllter weißer Rosen ließ es sich an Drinks und Fingerfood für sehr feine Finger gut den einen oder anderen der unendlich vielen Kunstschauplätze schwänzen.

Gut, dass das nicht den niederländischen Pavillon betroffen hat: Dort hat Aernot Mik eine perfekt inszenierte Videoshow zu Krieg, Gewalt und den fließenden Grenzen zwischen Täter und Opfer installiert - ein Lehrstück in Verhaltenspsychologie. Eine der wenigen Arbeiten zum dominanten Komplex von Illustrationen des eigenen Korrektseins bezüglich allem Politischem, gegenüber jeder Form von Versuchung. Venedig 2007 ist eine echt saubere Biennale, eine ironiefreie Zone. Zudem kommt Kurator Robert Storr für seine Idee von "think with the senses - feel with the mind" völlig ohne Sex aus. Die meisten Länderkuratoren halten sich an die gebotene Asepsis. Aalglatt auch der Animationsfilm der russischen AES+F Group. Androgyne Jugendliche schlachten einander stilbewusst zum Sound von Richard Wagner ab. Es ginge dabei - liest man im Katalog - auch um die Aufhebung der Grenzen von Opfer und Täter, um das ewige Zwischen-Gut-und-Böse-Stehen, um das Ineinandergreifen von Schicksal und freiem Willen. Was bei Aernot Mik als verdammt realistische Studie unmittelbar betrifft, zeigen AEF+S in der Version von Versace. Da üben sich metrosexuelle Idealtypen im pathostriefenden Ausdruckstanz. Natürlich ist das Filmchen total kritisch gemeint, lässt aber trotzdem Boudoirstimmung aufkommen.

Und: Isa Genzken im deutschen Pavillon ist schlimm. Bemüht trashige Ensembles aus Hartschalenkoffern, ausgestopften Eulen und Sperrmüll - von dort zur kanadischen Grottenbahn des David Altmejd ist es nicht nur in den Giardini nicht weit. (Markus Mittringer aus Venedig / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.6.2007)

Bis 21. 11.
  • Aernot Mik zeigt im Niederländischen Pavillon die offenen Rollenverteilungen zwischen Täter und Opfer.
    foto: biennale

    Aernot Mik zeigt im Niederländischen Pavillon die offenen Rollenverteilungen zwischen Täter und Opfer.

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