3,48 Euro pro Stunde

26. Juli 2007, 14:07
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Seit 14 Jahren tun wir so, als gäbe es ein Recht auf umfassende Pflege und nicht bloß auf Pflegegeld

Seit 14 Jahren tun wir so, als gäbe es ein Recht auf umfassende Pflege und nicht bloß auf Pflegegeld. Notleidende können das nur als Hohn auf ihre Schmerzen und Sorgen empfinden.

Wir wissen, dass Behinderung und Langzeitpflege anders als akute Krankheit nicht vollkasko-, sondern meist nur haftpflichtversichert bzw. -versicherbar ist. Dass Nachfrage nach Betreuung tendenziell unendlich und kaum objektivierbar, Bedarfsdeckung daher nicht voll vergesellschaftbar ist. Dass selbst im großzügigsten Pflegegeldgesetz der Welt - höchste Falldichte, das meiste Geld - gerade einmal 2,97 bis 8,68 Euro Zuschuss pro anerkannter Pflegestunde, im Schnitt 3,48 Euro geboten wird. Dass bei Pflegestufe 3 für 421 Euro die Allerärmsten 66 Prozent und Gutverdiener 88 Prozent des amtlich eruierten Pflegeaufwands von 120 Stunden monatlich nicht vom Pflegegeld gedeckt haben - und dass der reale Bedarf viel höher ist. Dass legale Pflegetarife mit 28 bis 81 Euro pro Stunde oder 270 Euro für einen Samstagnachtdienst dotiert sind und eineinhalb Stunden offizielle Pflegehilfe so viel kosten wie informelle 24-Stunden-Betreuung.

Dass es "Schwarzmarkt" nur deshalb gibt, weil wir "Ausländer raus"-halten, aber zugleich dringend brauchen; weil Gemeinden und Länder grob säumig und ihre legalen Angebote, vor allem an Heimhilfe, völlig unzureichend sind; und weil wir Rund-um-die-Uhr-Beistand daheim bis her untersagten - und ab Juli stark verteuern.

Denn: Wie vorhergesagt wird Pflege kaum legaler oder besser, aber für alle teurer - und riskanter. Anstatt die Nachfrage durch höheres Pflegegeld zu stärken und den Markt wirken zu lassen, wo er wirkt, und zu ergänzen, wo er versagt, verbrennen wir öffentlich knappes Geld, indem wir Arbeit erst verteuern, dann die Verteuerung für vorerst 13 Prozent (später 45 Prozent?) der Betroffenen befristet teilsubventionieren - aber nur gegen unsinnige Auflagen wie die Diskriminierung der preisgünstigsten Variante selbstständiger Anbieter, wodurch auch die Familien "brennen" und eine unzumutbare Arbeitgeberrolle übernehmen müssen.

Wir hören auf lebensfremde Moralisten und Juristen, die allen Ernstes behaupten, Heimpfleger, Altenbetreuer/innen oder Behindertenassistenten könnten - im Gegensatz zu Hebammen, Heilmas-seuren, Tagesmüttern usw. - nur "unselbst-ständig" oder "scheinselbständig" tätig werden. Aufgezwirbelter Schwachsinn!

Uns ist nicht zu helfen, es sei denn, wir helfen einander und uns selbst, wie die Selbstbestimmt-leben-Bewegung von Menschen mit Behinderung oder die Familien Fischer, Schüssel und Einem - bei deren Betreuerinnen wir durchwegs Arbeitsgenehmigungen annehmen.

Verzichten wir auf Vernaderung und Kontrollen, "Bedarfsprüfungen" und Berufsverbote für die letzte Betreuungshoffnung Zigtausender mit Pflegebedarf und für deren Familien. Solange nicht Erwerbsfreiheit für selbstständige persönliche Assistenz aus Osteuropa gewährleistet ist, muss die "Amnestie" verlängert werden.

Denn die Lücke zwischen 3,48 Euro Pflegegeld und den Sätzen der Anbieter-Platzhirsche ist nur durch massive unbezahlte Hilfe (Familien, Freiwillige) oder unterbezahlte Arbeit (Zivildienst, Au-pair, Selbstständige aus Niedriglohnländern) zu schließen. Dafür würde selbst eine Verdreifachung der Pflegemilliarden nicht genügen - von ein paar hundert Millionen Pflegefonds-Tropfen nicht zu reden. Geld allein pflegt nicht, daher muss Politik dafür sorgen, dass wir für sehr viel mehr Geld zumindest etwas mehr Dienste und nicht weniger kriegen. (Bernd Marin, DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2007)

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