Erdäpfel sind von gestern

  • Das Logo der Saint Charles Apotheke (zugegeben, gekippt), zu der das Alimentary gehört.

Saint Charles Alimentary
Gumpendorfer Straße 33
1160 Wien
0676/5861365
Montag bis Freitag 12 bis 15 Uhr und auf Vorbestellung

Zwei Gänge 10 Euro, jeder weitere 2,50.
    saint charles

    Das Logo der Saint Charles Apotheke (zugegeben, gekippt), zu der das Alimentary gehört.

    Saint Charles Alimentary
    Gumpendorfer Straße 33
    1160 Wien
    0676/5861365
    Montag bis Freitag 12 bis 15 Uhr und auf Vorbestellung

    Zwei Gänge 10 Euro, jeder weitere 2,50.

Harald Fidler findet endlich Zeit für einen angenehmen Mittagstisch in der Apotheke

Wir normalverbrauchenden Dilettanten, bisher glücklicherweise weitgehend unbemerkt von der Fress-PR, lesen aufmerksam, was die professionellen Esser an neuen Lokalen auftun (und sich bisweilen an). Finden manche Tipps spannend wie die übrigen Konsumenten, nehmen uns Besuche vor - und dann vergehen ein paar Tage, Wochen, Monate, manchmal Jahre.

Verzögerte Wahrnehmung

Diese Gelassenheit kann auf den Gaumen gehen, wenn man eine kleine Ewigkeit nach der lobenden "Rondo"-Kritik in die Schreyvogelgasse pilgert (obwohl das "Franz" nur wenige Meter von der Redaktion entfernt lag, liegt es eigentlich noch?) und nicht fragt, ob Herbert Malek überhaupt noch hier kocht. Kein schöner Abend, damals. Beim roten Elefanten in der Gumpendorfer Straße indes dürfte es ganz gut gewesen sein, dass ich nicht in dessen heillose Überforderung nach den ersten, hymnischen Kritiken stolperte. Machte Monate später (offenbar auch neu bekocht) durchaus Freude.

Das "Alimentary" der Saint Charles Apotheke wiederum, ein Stück stadtauswärts vom Elefanten, macht es dem nicht einmal nebenberuflichen Essdilletanten noch einmal schwerer mit Öffnungszeiten von Montag bis Freitag von 12 bis 15 Uhr. Abends nur auf Bestellung, was meine Koordinationsfähigkeit einer passenden Runde auch überfordert. Mittags? Bei täglichen Redaktionsschlüssen um 15.30 keine einfache Aufgabe und miesester Abgabedisziplin. Und: Philipp Furtenbach und Philipp Riccabona in ihrer Miniküche sind nicht gerade ein Fall für's schnelle Mittagessen (wofür sich Riccabona auch oft entschuldigt). Umso mehr ein Fall für's angenehme. Womit wir nach nur drei Absätzen Schwurbeln schon praktisch mitten im Thema wären.

Auf du und du mit Kraut und Kuh

Die Philosophie der beiden war schon oft zu lesen. In aller Kürze daher: Sie verkochen nur Zutaten, die sie quasi persönlich kennen, also selbst gesammelt oder angebaut haben, selbst gejagt - oder halt von einer Handvoll bekannter Produzenten.

Kollege Nowak von der "Presse" fand das Ergebnis nach meiner Erinerung etwas langweilig. Wer einen Mittelwert aller Kritiken bildet, erwartet hier das Richtige. Einen lang gekochten Wurzelfonds ohne Zwiebel etwa als ersten Gang, serviert im Glas, mit sonst nix, nicht einmal Salz (steht aber für den Notfall bereit). Ein nettes Entree. Der wild gemischte Salat von Grün über Rote Rübe bis Apfel mit Kernöl und Balsamico, Kräutern, Kernen: nicht falsch, im Gegenteil, naturgemäß aber auch nicht Geschmacksnerven zerfetzend originell.

Gestrige

Die Geschmacksnerven braucht man ohnehin noch für das erfreuliche Naturschnitzel vom Hochlandrind aus Vorarlberg. Mit "Gestrigen", sagt Riccabona - gestern waren die Erdäpfel noch in der Erde, heißt das. Und weil man Heurige getrost mit der Schale verputzen kann, tut er das auch mit den Gestrigen, was dem Püree bräunliche Einsprengsel verleiht. Auch für die etwas eigene Optik wird gleich entschuldigt. Schmeckt aber ganz erdfrei und sehr gut - wie die Erbsen in der Schote dazu.

Und weil das alles so angenehm daherkommt, vergesse ich kurz meine Desserverweigerung und nehme die Suppe von Kirschen und Rhabarber, mit Erdbeeren und einem ganz anständigen Topfennockerl mit Bröseln. Ohne Zucker, versichert er mir. Schon fein, würde zum Beispiel Freund H. jetzt sagen, statt endlich auch mal was zu schreiben für Schmecks, aber der mag ja Süßes. Mir ist's denn doch zuviel davon.

Fazit: Alles sehr angenehm, nur schwer im Handling für Menschen mit wenig Tagesfreizeit, aber mehr als eingängigem Appetit.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
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