Bügelfalten für den Schlamm

15. Juni 2007, 13:52
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Der Autor und Exzentriker Curzio Malaparte berichtete als rasender wie kulturbeflissener Reporter von den Brennpunkten einer aus dem Ruder laufenden Welt

Kurt Erich Suckert - so hieß mit deutschem Taufnamen der italienische Chronist eines aus den Fugen geratenden Jahrhunderts: Curzio Malaparte, das Kind eines toskanischen Textilingenieurs, war ein über blutdampfende Schlachtfelder reisender Snob, der sich mit seinen Exzentrizitäten Mussolinis Schwarzhemden andiente, 1957 auf dem Totenbett sich aber in überstürzter Hast zum Heiland bekehrte. Der anno 1942 mit amüsierter Geste an der Schlemmertafel des Generalgouverneurs Frank auf der Krakauer Königsburg Platz nahm, um die Nazi-Mörder mit Sottisen zu unterhalten, der aber auch Mao lobte und vor seinem frühen Lebensende bei KPI-Chef Palmiro Togliatti um die prompte Aufnahme in die kommunistische Partei einkam.

War Malaparte, Autor der allegorischen Trümmerromane Kaputt und Die Haut, ein Hochstapler? Ein aristokratisch sich gebärdender Pausenclown, der unangefochten über den Ruinen Europas schwebte? Jedenfalls ein begabter Prosakünstler, wie eine handverlesene Auswahl von Reise- und Mentalitätsreportagen eindrucksvoll belegt. Malaparte, der sich um ein Haar "Borgia" oder "Farnese" genannt hätte, diente gewiss nicht dem Fortschritt: Seine Spielart des faschistischen Engagements war eine Ursprungssuche - ein Stöbern nach Verwurzelung in den Volksmassen, die er den "scoglionati" entgegenstellte: den "Gereizten", den "Launischen" in Italien, die als politische Funktionsträger das Erbe der gewachsenen Kulturen verrieten und damit obendrein Malapartes Schönheitssinn verletzten.

Wie anders wäre etwa jene Anekdote zu verstehen, die dem früh gefeierten Autor Exil und Hausarrest auf den Liparischen Inseln einbrachte? Mussolini besäße einen Hang zu "grauenhaften Krawatten". Als er daraufhin zum "Duce" zitiert und von diesem gemaßregelt wurde, drehte sich Malaparte an der Tür noch einmal um und sagte: "Ihre heutige Krawatte, mein Duce, ist besonders scheußlich!"

Man muss Malaparte ein wenig gegen seine eigene Sprunghaftigkeit in Schutz nehmen. Als unverdrossen fernreisender Zeitzeuge ist er der wunderbarste Lüftelmaler. Seine Trompe-l'oeil-Skizzen aus England, Griechenland, Russland, Deutschland oder China können sich nicht genug tun in Theatralik: Wolkenballungen werden ununterbrochen verschoben, das Donnerblech grollt vernehmlich, die Birkenstämme glänzen - und zwischen dringend anstehenden Promi-Besuchen findet Malaparte immer wieder Zeit, in den rußgeschwärzten Gesichter der Menschen zu lesen und Feuilleton-Ethnologie zu betreiben.

Gesichter in Oxford - Malaparte liebt die "Anglomanie"! - sind "gefirnisst mit Frische". Die wortkarge Naturergebenheit der mit der Sowjetunion im Krieg befindlichen Lappländer erzeugt weitere Proben einer physiognomischen Spiegelschrift: Die finnische Natur finde sich selbstredend "im Gesicht dieses Volkes" wieder. Völker wie die Schweden lobt der reisende Reporter für ihren stillen Bürgersinn über den grünen Klee. Malaparte mag nicht eben prinzipienfest gewesen sein. Unempfindlich für die Verheerungen des Krieges war er nicht. Er glaubte wohl, die Katastrophe mit den Segnungen der westlichen Zivilisation verrechnen zu müssen - ein geläufiges Motiv konservativer Kulturkritik, aber eben auch keine Eintrittskarte in die Sphäre des Unmenschentums. Malaparte war ein Poseur - aber ebenso imstande, den südamerikanischen Ausläufern des Kolonialismus ein vernichtendes Zeugnis auszustellen.

Im vielleicht beeindruckendsten Text dieser von Michael von Killisch-Horn mustergültig schwingend übersetzten Sammlung blickt der Frontbesucher - Malaparte arbeitete für italienische Tageszeitungen - zum Jahreswechsel 1941/42 auf das belagerte Leningrad. Er konstatiert nicht nur eine Ansammlung von Industrieruinen, sondern sieht durch das schmale Fenster seines Unterstandes auf jene Kulturlandschaft hinüber, in deren Auen zwischen den Newa-Armen die Dostojewski-Mörder herumstolpern, bereits überblendet von den "neuen Menschen" der bolschewistischen Revolution.

Curzio Malaparte (1898-1957) war mit einer Art Tiefenblick begabt. Dass er in eigener Sache die Originalität mitunter übertrieb, sein tadelloses Fähnchen gegebenenfalls nach dem Wind hing und jede seiner zahlreichen Torheiten mit überlegener Geste für schön erklärte - nimmt nicht für ihn ein. Lernen kann man indes viel. Und sei es die Fähigkeit, mitzuleiden mit einer aus dem Ruder laufenden Welt. (Ronald Pohl, ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 09./10./06.2007)

Curzio Malaparte, "Zwischen Erdbeben. Streifzüge eines europäischen Exzentrikers". Die andere Bibliothek/Eichborn, € 30,90/370 Seiten. Frankfurt/M. 2007.
  • "Ihre heutige Krawatte, mein Duce, ist besonders scheußlich": Curzio Malaparte.
    foto: ullstein

    "Ihre heutige Krawatte, mein Duce, ist besonders scheußlich": Curzio Malaparte.

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