Bio-Anbau im Wolkenkratzer

29. Juli 2007, 18:33
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Ein New Yorker Professor will in Manhattan um 37 Millionen Euro Stadt-Treibhäuser der Superlative aus dem Boden stampfen - Reportage

"Mein Großvater war einer der letzten Garnelenfischer", seufzt Dickson Despommier, wenn man ihn auf den Klimawandel anspricht. Der Professor kommt aus New Orleans. Schon lange vor dem Katastrophensturm Katrina hat er dort mit ansehen müssen, wie sintflutartige Regenfälle nach und nach die Küstengewässer geleert haben. Für Despommier steht fest: Schuld an all dem ist der Treibhauseffekt. Und: Es genügt es nicht, nur auf alternativen Energien umzusatteln. Al Gore, meint er, sage in seinem Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" zurecht, man müsse auch und vor allem viele neue Bäume pflanzen: "Es würde schon ausreichen, wenn wir die Felder und Weiden in fünf US-Bundesstaaten wieder in Wälder verwandeln, um den CO2-Ausstoß signifikant zu verringern." Leichter gesagt als getan. Die Demografen schätzen, dass die Erdbevölkerung bis 2050 auf insgesamt 9,2 Milliarden Menschen anschwellen wird. Um diese alle zu ernähren, bedarf es einer zusätzlichen Agrarfläche so groß wie Brasilien. So viel sei gar nicht mehr vorhanden, sagt Des-pommier. Allein New York esse schon jetzt jedes Jahr eine Landmasse, die den ganzen US-Bundesstaat Virginia einnehme: "So viel Agrarfläche brauchen wir, um die acht Millionen Einwohner dieser Stadt zu ernähren!"

Inspiration von den "Stadtbauern"

Vor sechs Jahren begann Despommier, mit seinen Studenten an der New Yorker Columbia University nach Alternativen zu forschen. Inspiration fanden sie bei den "Stadtbauern" ihrem unmittelbaren Umfeld. Der Begriff des "Urban Farming" ist fast so alt wie New York selbst: Den Anfang machte im 19. Jahrhundert eine Hühnerfarm auf dem Dach eines Hochhauses an der Upper West Side; heute sind es vor allem Künstler, Schulen und Alternative, die in kleinen Dachgärten ihre eigenen Lebensmittel anbauen. Dickson Despommier ging all das nicht weit genug. Auf seiner Website verticalfarm
hat er jetzt einen Plan vorgelegt, der direkt aus dem Science-fiction-Kult-Comic "Futurama" stammen könnte: Er will inmitten der glitzernden Wolkenkratzer von Big Apple vertikale Treibhäuser der Superlative hochziehen. Diese Idee sei vielleicht unromantisch, aber der ökologische Nutzen liege auf der Hand. Ob Weizen, Mais, Paprikaschoten, Fisch, Shrimps: Alles, was der Mensch für eine ausgewogene Ernährung brauche, könne innen gezüchtet werden. "Außerdem sind vertikale Farmen von der Außenwelt abgeschnitten, also bedarf es weder Herbi- noch Pestizide!". Weitere Vorteile sind: keine Kontamination von organischem durch gentechnisch manipuliertes Saatgut; keine umweltverschmutzenden Transporte und keine Ernte-vernichtungen durch schlechtes Wetter.

50.000 Menschen versorgen

Nach den Berechnungen Despommiers würde ein 30 Stockwerke hohes Stadt-Treibhaus den jährlichen Nahrungsbedarf von 50.000 Menschen sichern. Dazu sind sonst 672 Quadratkilometer Land nötig – fast zweimal die Fläche Wiens. Der Professor hat mit der Hilfe von anderen Wissenschaftern und Architekten alles bis ins Detail ausgeklügelt. Der Prototyp seiner Wolkenkratzerfarm stellt einen gläsernen Zylinderbau mit rotierenden Solarmodulen dar. Auf dem Dach befinden sich neuartige Windmühlen, die bei Stürmen bequem abgeschaltet werden können. Alles ist umweltgerecht konzipiert, und dennoch: ein rentables Unterfangen. Despommier gibt zu, dass die erste Hochhausfarm immerhin zwischen 50 und 100 Mio. Dollar (37 bis 74 Mio. Euro) kosten wird. Dafür werfe sie mehr ab als herkömmliche Agrarbetriebe.

Neben der Obst- und Gemüsezucht sieht sein Konzept auch eine Kondensationsanlage vor, die den Dunst der Pflanzen in wertvolles Trinkwasser verwandeln kann. Eine Verbrennungsanlage wird außerdem dazu dienen, aus den nicht essbaren Pflanzenteilen Energie zu gewinnen. "Wir haben berechnet, dass so eine Farm einen jährlichen Nettogewinn von zehn Millionen Dollar abwerfen wird", frohlockt Despommier, "Kein Bauer der Welt verdient das!" Was sich anhört wie eine gewagte Zukunftsvision, ist bereits ein Geschäft. Seit Des-pommier mit seinen Plänen an die Öffentlichkeit gegangen ist, haben Risikokapitalgeber und Stiftungen von Kalifornien bis Dubai ebenso Interesse an seinem Projekt bekundet wie der Computergigant IBM. Auch die UNO ist hellhörig geworden. Sie hat Despommier eingeladen, seine Wolkenkratzerfarm vorzustellen. (Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10. Juni 2007)

  • So sollen Hochhaus-farmen _nach den Vorstellungen  
des Stadtplaners Dickson Despommier ausschauen. Die Treibhäuser der Superlative sollen 50.000 Menschen versorgen.
    foto: standard/despommier

    So sollen Hochhaus-farmen _nach den Vorstellungen des Stadtplaners Dickson Despommier ausschauen. Die Treibhäuser der Superlative sollen 50.000 Menschen versorgen.

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