"Das ist die Seidenstraße des 21. Jahrhunderts"

1. Juli 2007, 18:17
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Energie statt Seide: Die Türkei will in ihrer Rolle als Brückenkopf zwischen Energie erzeugenden und Energie verbrauchenden Ländern wachsen - Reportage

Weizenfelder, Kukuruz, flirrende Luft. Mittendrin immer wieder Schafherden, die auf der Suche nach etwas Fressbarem von dem schnurgerade verlaufenden Asphaltband in angrenzende Wiesen auszubrechen versuchen. Auf einem der Hochspannungsmasten, die von einem an der Küste gelegenen, grau-weißen Rauch ausstoßenden Kohlekraftwerk kommend die Straße säumen, sitzt ein Storch in einem Nest und füttert Junge. Die Idylle trügt.

Nur ein paar Kilometer weiter, hinter einem mit Tankbehältern zubetonierten Hügel, wird Öl in Schiffsbäuche gepumpt – bei Tag, bei Nacht, bei jedem Wetter. "Früher war auch dort ganz schön was los", sagt Ahmet Bekir. Der knapp 50-jährige Türke, der die letzten neun Berufsjahre in dem rund 30 km von der südosttürkischen Stadt Ceyhan gelegenen Verladeterminal zugebracht hat, deutet auf eine ins Meer führende Mole. Diese sieht im Gegensatz zu dem nicht weit gelegenen, ebenfalls in den Golf von Ceyhan hinausragenden Arm eines Verladeterminals, ziemlich verlassen aus. "Seit dem Abgang von Saddam ist hier so gut wie kein Öl mehr aus dem Irak angekommen", sagt Bekir bei einem Lokalaugenschein des Standard.

Kostbare Fracht

Geschäftig geht es nebenan zu. Seit vor einem Jahr erstes Öl durch die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC) geflossen ist, sind bereits 180 Tanker beladen worden, jeder ungefähr so groß wie drei Fußballfelder. Die unter internationaler Flagge fahrenden Tanker bringen die kostbare Fracht in die nach Energie gierenden Länder Westeuropas. "Das ist die Seidenstraße des 21. Jahrhunderts", sagt Salih Pasaoglu, Chef der Botas International Limited (BIL). Die auf der Kanalinsel Jersey registrierte BIL ist eine hundertprozentig Tochter der staatlichen tür-kischen Gesellschaft Botas. Sie ist Betreiberin der BTC-Pipeline auf türkischem Territorium. Die Ölleitung ist in mehreren Jahren Bauzeit unter Federführung von BP und mit wohlwollender Unterstützung der Amerikaner errichtet worden. Auch Österreicher hatten maßgeblichen Anteil daran. Die tirolerisch-bayerische Ingenieurgemeinschaft Lässer-Faizlmayer war für die Projektierung des türkischen Teilstücks der Leitung zuständig.

Wiederbelebung der Handelsroute

Die Rohrleitung, die in der Erdölstadt Baku am Kaspischem Meer ihren Ausgang nimmt und über Georgien 1760 km weit bis zur südosttürkischen Hafenstadt Ceyhan verläuft, ist ein wichtiges, wenn auch nicht das einzige Projekt, das die bedeutende Handelsroute von einst wieder aufleben lassen soll. Eine Eisenbahnverbindung, für die Schienen weg von der osttürkischen Stadt Kars nach Georgien neu gebaut und alte Gleise revitalisiert werden, soll in zwei Jahren fertig sein. "Es gibt aber auch Überlegungen, eine Gaspipeline hierher zu bauen und eine Verflüssigungsanlage zu errichten, um das Gas auch per Schiff exportieren zu können", sagt Pasaoglu. Hinter diesem Projekt stehe Gasprom. Die Letztentscheidung des Gasgiganten aus Russland, mit dem die Türken seit vielen Jahren intensiv zusammenarbeiten, stehe aber noch aus.

Pipeline in Bau

Gebaut wird bereits eine Ölpipeline von der Schwarzmeerstadt Samsun nach Ceyhan. Bis 2011 könnte hier zusätzlich eine Million Fass (je 159 Liter) Rohöl nach Ceyhan gelangen – genauso viel wie über die BTC-Pipeline, wenn die Kompressoren ab Juli mit Höchstleistung pumpen. Die Türkei versteht sich als Energiedrehscheibe, was angesichts der geografischen Lage verständlich ist. Mehr als 70 Prozent der weltweit nachgewiesenen Öl- und Gasvorräte liegen in einem breiten Bogen von der Kaspischen See über das Schwarze Meer, Iran und Irak vergraben. Europa möchte seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland verringern, die Türkei seine geografische Lage als Energiekorridor in verstärktem Umfang wahrnehmen. Ahmet Bekir, der vor neun Jahren mit Sack und Pack nach Ceyhan gezogen ist, will hier alt werden: "Es gibt Arbeit, wir haben gute Wohnungen, und in Zukunft gibt es noch mehr zu tun." Drei Raffinerien sollen in Ceyhan entstehen. Für eine hat die OMV Interesse bekundet. (Günther Strobl aus Ceyhan, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 9./10.2006)

  • Fast zwei Kilometer weit ins Meer hinaus geht der Verladesteg im Golf von Ceyhan. In der Regel dauert es einen Tag, bis der Schiffbauch vollgepumpt ist mit Öl.
    foto: standard/strobl

    Fast zwei Kilometer weit ins Meer hinaus geht der Verladesteg im Golf von Ceyhan. In der Regel dauert es einen Tag, bis der Schiffbauch vollgepumpt ist mit Öl.

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