Menschen, zum Klingen gebracht

8. Juni 2007, 16:23
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Der "Chorus sine nomine" und seine Reise durch 500 Jahre Chorliteratur

Wenn einem nach Gründung eines Ensembles keine nominale Kreation in den Sinn kommen will, mit der man selbige auch etikettieren kann, dann ist es altbewährte Praxis, eben die Namenlosigkeit zum Namen zu machen: Die Resultate heißen dann "Band ohne Namen" (Berliner Pop), "XY-Band" (des Jazztrompeters Lorenz Raab) oder eben "Chorus sine nomine".

Zuweilen kann eine solche Verlegenheitslösung ihren tieferen Sinn haben: In Falle des 1991 vom damals aus Linz nach Wien übersiedelten Musikstudenten Johannes Hiemetsberger gegründeten Vokalensembles ist der Name längst auch Programm geworden - widmet man sich doch den unbekannten Rändern der Chorliteratur, wie man exemplarisch mit der CD Anonymus XX mit Raritäten aus dem 20. Jahrhundert demonstrierte.

"Wir schauen bewusst, was es sonst noch gibt", so Hiemetsberger, der sein Ensemble auch in der institutionellen Ungebundenheit seiner Namenlosigkeit gerecht werden sieht. "A-cappella-Singen ist in Österreich eine Nische, im internationalen Vergleich wird das hier wenig gepflegt. Es gibt auch wenig Repertoirevielfalt - man kommt offenbar von der Tradition nicht los."

Ein Umstand, dem Hiemetsberger auch durch Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten abzuhelfen versucht - u. a. sang der Chor die Uraufführung von Sausengs "Johannespassion". Das Repertoire ist indessen - gleichsam als Namenlosigkeit höherer Ordnung - keineswegs klar umrissen, im Gegenteil: Schon auf der Debüt-CD fanden sich neben einem Spiritual und einem "Jugoslawischen Volkslied" auch Brahms, Bruckner und Mendelssohn-Bartholdy - man wollte sich bewusst nie auf eine Epoche konzentrieren. Das Programm des Konzerts "Eurocity 2007", als Reise durch 500 Jahre europäischer Chorliteratur konzipiert, sieht Hiemetsberger als für sein Ensemble repräsentativ an, da es zwischen kleiner und großer Besetzung (etwa Thomas Tallis' 40-stimmige Motette "Spem in alium") changiere und sowohl Klassiker von Bach bis Xenakis als auch Nischenstücke etwa des Dänen Bo Holten beinhalte.

Hiemetsberger, der Chor- und Ensembleleitung an der Wiener Musikuniversität unterrichtet, sieht eine weitere Besonderheit seines Chores in der kontinuierlichen Probenarbeit - während viele andere Vokalensembles projektbezogen rekrutiert würden und es in Wien "mehr Namen als Chöre gibt". Die Faszination am Chorgesang? "Die Verbindung von Instrumentalist und Instrument im Sänger - eines ist vom anderen nicht zu lösen. Es geht darum, Menschen zum Klingen zu bringen - das sind Prozesse, die weit über die musikalische Arbeit hinausgehen. In der Gruppe kann sich das Potenzial des Einzelnen vervielfachen." (Andreas Felber, DER STANDARD, Printausgabe, 08.06.2007)

19. 7., Minoritensaal: Eurocity 2007; 22. 7., Kasematten Schlossbergbühne: Beethovens 9. Sinfonie
  • Der von Johannes Hiemetsberger geleitete Chorus sine nomine setzt auf Kontinuität und Rarität.
    foto: styriarte

    Der von Johannes Hiemetsberger geleitete Chorus sine nomine setzt auf Kontinuität und Rarität.

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