Die Kraft des Ungewöhnlichen

8. Juni 2007, 16:19
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An dem drahtig-asketisch wirkenden Ian Bostridge ist doch so einiges ungewöhnlich. Er besitzt nicht nur eine der spektakulärsten Tenorstimmen unserer Tage

Er hat auch ein Curriculum vorzuweisen, das so gar nicht in das Schema einer typischen Sängerkarriere passen will. Schließlich hätte es auch anders kommen können, schließlich hätte aus dem in Oxford promovierten Historiker ebenso gut ein Hexenforscher werden können - verfasste er doch eine viel beachtete und mittlerweile von einem renommierten Verlag publizierte Dissertation über das Hexenwesen im England des 17. Jahrhunderts.

Dass sich an ihm auch andere Geister schon mal scheiden, nimmt der 42-jährige gebürtige Londoner "very british" und selbstbewusst-gelassen in Kauf. Etwa, wenn er darauf besteht, bei einem Liederabend nur die ersten zwölf Lieder aus Schubert Winterreise zum Besten zu geben und ihnen Lieder seines Lieblingskomponisten Benjamin Britten folgen lässt. Oder wenn immer wieder mal an seiner Stimmtechnik herumgemäkelt wird.

Diese wirke zu körperlos, zu androgyn-dandyhaft und mitunter effekthascherisch. Was diese zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftige Stimme tatsächlich so extravagant klingen lässt, verdankt sie jedoch der so genannten "voix mixte"-Technik, einer klanglichen Mischung aus Brust- und Kopfstimme.

Gute Deklamation

Wie kein anderer Sänger hat sich der Brite Ian Bostridge diese Technik perfekt angeeignet und zum Markenzeichen seiner Kunst werden lassen. Die mit dem Verzicht auf eine voll ausgesungene Bruststimme einhergehende Begrenzung hinsichtlich der Ausdrucksmöglichkeiten versteht der Tenor durch seine stupende Musikalität, die bedingungslose Identifikation mit dem Werk und eine in mehreren Sprachen perfekt geschulte Deklamation mehr als wettzumachen.

Das sind allesamt schließlich Bonuspunkte, die den Tenor zum derzeit vielleicht gefragtesten Lied- und Oratoriensänger werden ließen. Sein äußerst vielfältiges Repertoire hat sich der Brite, der die Altmeister Dietrich Fischer-Dieskau und Fritz Wunderlich als seine prägenden Vorbilder bezeichnet, hart erarbeitet. Sein Debüt auf der Opernbühne gab Ian Bostridge erst als 30-Jähriger (als Lysander in Benjamin Brittens A Midsummer Night's Dream).

Auch Zeitgenossen

Sein Konzertrepertoire? Es reicht mittlerweile von Monteverdi, Henry Purcell, Händel und Bach über die deutsche Liedromantik bis zu Zeitgenossen. Der deutsche Komponist Hans Werner Henze, angetan von der ungewöhnlichen Ausdruckskraft des Timbres, widmete dem Sänger eigens seine "Sechs Gesänge aus dem Arabischen".

Bostridge pflegt - hier Dietrich Fischer-Dieskau nicht unähnlich - gerne langjährige, kontinuierliche Musikerpartnerschaften. Etwa mit den Pianisten Julius Drake, Mitsuko Uchida oder Leif Ove Andsnes. Mit Letzterem, dem norwegischen Ausnahmemusiker, realisiert er seit einigen Jahren bei der EMI ein ehrgeiziges CD-Projekt, in dem Lieder und Klavierwerke von Franz Schubert gekoppelt werden.

In seinem styriarte-Debüt ist Ian Bostridge am 30. Juni und 1. Juli als Lukas in Haydns "Die Jahreszeiten" unter Nikolaus Harnoncourt zu hören; mit dabei im Stefaniensaal auch Genia Kühmeier und Christian Gerhaher (19.00). (Peter Stalder, DER STANDARD, Printausgabe, 08.06.2007)

  • Tenor mit ungewöhnlicher Ausdruckskraft - der Brite Ian Bostridge.
    foto: newald

    Tenor mit ungewöhnlicher Ausdruckskraft - der Brite Ian Bostridge.

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