Die Möglichkeit, die Welt zu verbessern

8. Juni 2007, 16:45
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Der Dirigent Andrés Orozco-Estrada bestreitet drei Konzerte mit dem Orchester "recreation" - Ein Gespräch über seine dynamische Karriere und erfüllte Träume

Mit vollem Einsatz steht er nicht nur am Dirigentenpult, mit ganzer Kraft setzt er sich ebenso für seine Projekte ein, und mit Verve stürzt sich Andrés Orozco-Estrada auch ins Gespräch. 1977 in Medellín geboren, kam er mit 20 Jahren nach Wien, und noch heute erzählt der Kolumbianer mit leuchtenden Augen: "Es war mein Traum, hier zu studieren. Schon dass sich das erfüllt hat, hat mich sehr glücklich gemacht, aber noch viel mehr, auch hier arbeiten zu dürfen." Das tut er seit dem Studienabschluss vor vier Jahren mit wachsendem Erfolg: Als er bei einem Konzert des Tonkünstler-Orchesters 2004 einsprang, erntete er hymnische Kritiken - ebenso, als er 2006 Wolfgang Sawallisch am Pult der Symphoniker vertrat. Seither hat er bei etlichen Orchestern gastiert, unter anderem beim Gewandhausorchester Leipzig, und die Zukunft wird da noch einiges bringen. Währenddessen gibt er auch bereits sein Können bei Dirigierkursen für junge Dirigenten in Bogotá weiter.

Am Beginn stand aber das Sammeln von Erfahrungen: "In Kolumbien habe ich als Geiger in Orchestern gespielt, dann selbst Orchester dirigiert und auch welche gegründet." In Wien ging es dann beim Klangkörper der Technischen Universität weiter: "Mit dem TU-Orchester konnte ich viel ausprobieren, es gab CD-Aufnahmen und Opernproduktionen, viel Interesse und hohe Ansprüche." Überhaupt schätzt er die Arbeit mit jungen Ensembles besonders:

"Bei jungen Orchestern gibt es viel zu arbeiten, wenn man ein gutes Ergebnis erreichen will. Und davon profitiert man auch als Dirigent." Auch beim Grazer Orchester recreation, das ihn zum Chefdirigenten gewählt hat, schätzt er das Arbeitsklima außerordentlich: "Hier gibt jeder, was er kann: Das Orchester spielt wie um sein Leben. Die Atmosphäre ist sehr angenehm, und diese Aufgabe bedeutet für mich eine große Herausforderung."

Herausfordernd ist auch das heurige Bündel von drei Konzerten, die Orozco-Estrada mit recreation bestreitet - zunächst eine "Hommage" anlässlich des 70. Geburtstages von Gösta Neuwirth. Zu zeitgenössischer Musik hat der Dirigent eine besondere Neigung: "Bei moderner Musik kann man viel am Detail arbeiten. Nicht nur für den Dirigenten, auch für das Orchester ist alles neu, und man muss versuchen, eine Sprache für diese Musik zu finden."

Das Bedürfnis, sich auf einen Teil des Repertoires zu spezialisieren, verspürt Orozco-Estrada indessen noch nicht - er betont im Gegenteil, wie wichtig ihm Offenheit sei: "Das kommt beim zweiten Abend zum Ausdruck. Ich denke, es wird allgemein immer wichtiger, auf das Publikum zuzugehen, um ihm näher zu kommen. Deswegen gefällt mir die Idee dieses ,European Song Contest' sehr. Es ist lockerer als ein normales Konzert, das Publikum darf mitreden. Dabei wird es elf Kandidaten geben, jeder singt ein Lied - dann gibt es ein Voting, und am Ende wiederholt der Sieger wie beim richtigen Song Contest sein Lied."

Außergewöhnlich in einem anderen Sinn ist der Schlusspunkt des Festivals (22. Juni), bei dem sich drei Kompositionen Beethovens als "Freude schöner Götterfunken" programmatisch ergänzen: "Das Projekt ist für mich ein Höhepunkt, nicht nur, weil es eine Freude und Ehre ist, das Abschlusskonzert zu dirigieren. Die Location der Schlossbergbühne ist für dieses Programm perfekt, abgesehen von der ausgezeichneten Akustik, und das Programm ist ein Aufruf zur Humanität. Das gibt uns als Künstler die Chance, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass wir dafür verantwortlich sind, was wir tun - und dass es eine Möglichkeit gäbe, die Welt zu verbessern." (Daniel Ender, DER STANDARD, Printausgabe, 08.06.2007)

  • Dirigent Andrés Orozco-Estrada gestaltet bei der styriarte auch einen "Song Contest".
    foto: kmetitsch

    Dirigent Andrés Orozco-Estrada gestaltet bei der styriarte auch einen "Song Contest".

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