"Die gläserne Tür öffnen"

10. Juni 2007, 16:00
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Viele qualifizierte Migrantinnen arbeiten in unterqualifizierten Berufen - Wie Mentoring den adäquaten Berufsein­stieg erleichtern kann, zeigt ein Projekt

Grafikerin, Gynäkologin, Eventmanagerin in der Türkei, Polen, Bosnien – Küchenhilfe in Österreich. Dieser oft vorgezeichnete Weg soll mit dem Projekt BIMM (berufliche Integration und Mentoring für Migrantinnen) durchbrochen werden.

"Die Tür hat sich für mich geöffnet, wenn auch noch nicht ganz, aber ich sehe schon Licht", schildert die gebürtige Polin Barbara Dahmani bei einem Roundtable über das Projekt. Für die Pädagogin war es besonders schwer, Beruf und Familie in Österreich zu vereinbaren. Nachdem sie mit ihrem Mann nach Österreich gekommen war, war sie fünf Jahre zuhause und fand keine Arbeit, heute hält sie als freiberufliche Trainerin Kurse.

Slavica Pilipovits aus Bosnien ist Lebensmitteltechnologin. Ihr Diplom wurde in Österreich aber nicht anerkannt. Ihr fehlten noch Prüfungen zur Anrechnung, derzeit macht sie daher ein Kolleg. Nachdem sie nach Österreich gekommen war, arbeitete sie jahrelang als Küchenhilfe. "Da besteht die Gefahr, dass man sich irgendwann damit abfindet." Jetzt arbeitet sie wieder in ihrem Beruf in einem großen Lebensmittel-Konzern.

Mentoring zur Karriereförderung

"Wir haben herausgefunden, dass Mentoring eine gute Strategie zur Karriereförderung von Frauen ist. Mentoring plus Arbeitsmarkt-Orientierung ist BIMM", erklärt Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von abz*austria. Das Besondere: Die Mentees werden dabei als Kompetenzträgerinnen gesehen, nicht als Problemgruppe. Mentoring könne ein großer Puzzlestein sein, um strukturelle Hürden zu nehmen und Migrantinnen seien sehr gute Netzwerkerinnen, was ihnen dabei sehr zugute komme.

Nach einer Arbeitsmarkt-Orientierungsphase gab es im Rahmen des Projekts Hilfe bei der Vorbereitung auf die Nostrifikation (Gleichstellung eines ausländischen mit einem österreichischen Studienabschluss), konkrete Einbindung in Arbeitsabläufe oder Projekte, praktische Erprobung von Arbeitsaufgaben, Unterstützung bei der Jobsuche und Eröffnung von neuen beruflichen Kontakten und Anknüpfungspunkten an Netzwerke.

Eine Mentee erzählt über ihren Nutzen aus dem Projekt: "Mir selbst zu vertrauen, zu sehen, dass es hier doch nicht ganz anders ist als in der Türkei, und das, was anders ist, besser zu verstehen. Ich konnte erleben, wie die Dinge hier laufen und mir vorstellen, dass es geht, dass ich es schaffen werde."

Positives Resümee

"Wir haben es geschafft, die gläserne Tür zu öffnen. Die gläserne Tür bedeutet, dass Migrantinnen kaum Chancen haben einen Berufseinstieg in Österreich zu finden, geschweige denn aufzusteigen, und das trotz Qualifikationen. Das kann sich auch die Wirtschaft nicht leisten", findet Vollmann klare Worte. "Wir haben es geschafft, für die Mehrheit der 24 Teilnehmerinnen einen ausbildungsadäquaten Arbeitsplatz zu finden." Damit ist auch ein selbst bestimmtes Leben für die Frauen möglich.

Das Projekt wurde im Rahmen der europäischen Gemeinschaftsinitiative EQUAL zwei Jahre lang vom Europäischen Sozialfonds und dem österreichischen Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft finanziert. Nun in der Abschlussphase, ermöglichte BIMM die Konzeptionierung und Umsetzung einer Kombination aus Arbeitsmarkt-Orientierung und Mentoring.

Die Mentorinnen

Und die Motivation der Mentorinnen? "Wichtig war, dass auch sie einen Nutzen daraus ziehen konnten", so Vollmann. "Ich habe selbst ein Jahr in Kanada gelebt und erfahren wie schwer es ist, gesellschaftlich und im Arbeitsleben Fuß zu fassen", erklärt Mentorin Martina Kneidinger ihre Motivation für die mindestens dreimonatige Metoring-Beziehung. "Für mich war es positiv zu erfahren, dass mein Netzwerk funktioniert, wenn ich es mobilisiere", erklärt eine andere Mentorin. Die neuen Erfahrungen, die Reflexion der eigenen Führungskompetenz, Perspektivenerweiterung, Sensibilisierung, Änderung von Erwartungshaltungen und die Chance des interkulturellen Lernens waren einige der positiven Aspekte der Mentoring-Beziehungen.

Zukunft

"Wir haben fast 19 Prozent Zugewanderte mit österreichischer Staatsbürgerschaft und insgesamt 30 Prozent Menschen mit Migrantenhintergrund", weiß die Wiener Stadträtin für Frauen und Integration, Sandra Frauenberger. Das Mentoring-Programm habe dazu beigetragen, die Problemstellungen bei der Anerkennung und Nutzung von Qualifikationen zu thematisieren und habe gezeigt, wie der Integrationsprozess gut qualifizierter Migrantinnen in den Arbeitsmarkt unterstützt werden kann. "Das ist ein best practice Beispiel und wir in Wien haben nicht zuletzt aus diesem Projekt wichtige Erfahrungen für die Entwicklung unserer Angebote gewonnen."

"Nicht nur die Tür aufmachen, sondern auch die 'gläserne Decke' zum beruflichen Aufstieg der Qualifikation entsprechend zu durchbrechen, das ist das Ziel", so der Gesamttenor am Podium. Man müsse aufpassen, dass die Frauen nicht anfangen in minder qualifizierten Berufen zu arbeiten, davon seien sie nämlich nur schwer wieder wegzubringen. (mat)

  • Am Podium v.l.n.r.: Martina Kneidinger, Slavica Pilipovits, Manuela Vollmann, Sandra Frauenberger, Barbara Dahmani
    foto: abz* austria

    Am Podium v.l.n.r.: Martina Kneidinger, Slavica Pilipovits, Manuela Vollmann, Sandra Frauenberger, Barbara Dahmani

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