Gestohlene Dokumente

10. Juni 2007, 18:04
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Ich gestehe: Ich bin jahrelang mit einem gestohlenen Pass durch die Welt gereist – und keiner hat es bemerkt

Es war vorgestern. Da bekam ich dann meinen neuen Pass. Doch noch. Denn wenn ich den Blick der wackeren Beamtin richtig deutete, hätte ich – wäre es nach ihr gegangen, ganz bestimmt kein Reisedokument in die Hand gedrückt bekommen. Schließlich hatte ich ja zugegeben, nicht in der Lage zu sein, so ein wertvolles Ding auch pfleglich zu hüten. Das hatte sie schwarz auf weiß.

Mein Pass war nämlich gestohlen worden. Im Sommer 2004. Obwohl: Eigentlich stimmt das so nicht – auch wenn ich beim Passamt dann unterschrieben habe, dass das so war. Darum noch einmal:

Zweiter Start

Mein Pass war abgelaufen. Dieser Tage – Ende Mai. Darauf hatte mich bereits Anfang Februar ein freundlicher britischer Flughafensicherheitsmann aufmerksam gemacht: Ich möge mich schleunigst darum kümmern, ein neues Dokument zu bekommen – sonst würde ich demnächst nicht einmal mehr innerhalb von Schengenland von einer Ecke in die andere fahren können, hatte der Mann gesagt. Und eigentlich sollte man ja schon ein halbes Jahr vor dem Ablaufen des alten einen neuen Pass beantragen. Aus Sicherheitsgründen.

Dann hatte er mir meinen Pass zurückgegeben – und ich weiß erst jetzt wieviel Glück ich hatte: Denn er hat meine Daten nämlich nicht durch seinen Rechner gejagt. Aber Heathrow im Februar dürfte nur der letzte Punkt einer jahrelangen Glückssträhne gewesen sein. Und vermutlich wäre es in London noch einfacher gewesen, wieder frei zu kommen als an etlichen anderen Orten der Welt. Nicht zuletzt, weil ich und der Grenzbeamte zumindest in einer Sprache miteinander reden hätten können.

Staunen

Allerdings verstand ich dann auch vor ein paar Tagen im Bezirksamt zuerst nicht, was die Beamtin mir da sagte. Obwohl sie eindeutig Deutsch sprach: Wieso ich mit einem gestohlenen Pass zu ihr käme, fragte sie mich. Und als ich sie ansah, als habe sie mich gefragt, ob ich Lust hätte, sie zu erdolchen, wiederholte sie: Eigentlich müsste ich ja einen ganzen Berg Unterlagen mitbringen, um mir einen neuen Pass ausstellen zu lassen – denn das Ding, das ich da in der Hand hielte, hätte ich gar nicht mehr. Offiziell sei es gestohlen. Das sage ihr jedenfalls der Computer. Und der irre sich nicht.

Ich war verwundert. Um es dezent zu formulieren: Das wäre mir neu. Sehr neu sogar. Denn ich hätte in meinem ganzen Leben noch nie irgendein Dokument als gestohlen gemeldet – wenn überhaupt, verlöre ich Dinge. Aber mein Pass sei ja eindeutig hier. Die Beamtin nickte: Es gäbe da tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem Bild und mir. Sie beschlösse also, mir zu glauben. Obwohl die Daten gegen mich sprächen.

August 2004

Denn wenn hier, auf ihrem Bildschirm, stehe, dass dieser Pass im August 2004 als gestohlen gemeldet worden sei, dann sei das so. Auf der ganzen Welt. Bei jeder Abfrage meiner Daten. Dann blätterte sie durch das Heftchen und wunderte sich: Zumindest die Visa im Pass hätte ich doch gar nicht bekommen dürfen. Und wie ich die Einreise in den einen oder anderen Staat geschafft hätte, würde sie auch interessieren: Mit diesem Pass hätte es mich spätestens bei der Wiedereinreise nach Schengenland erwischen sollen. Eigentlich müssen. Also doch einige Male seit 2004.

Die Dame bat mich, draußen zu warten. Sie müsse jetzt recherchieren. Und während ich im Wartezimmer saß, blätterte ich noch einmal durch meinen geistigen Kalender: im Sommer 2004 hatte man A. die Geldbörse geklaut. Und just an diesem Tag hatte sie meine Bankomatkarte eingesteckt gehabt. Von meinem Pass war aber nichts in der Anzeige gestanden. Und auch nie die Rede gewesen.

Geständnis

Kurze Zeit später gab ich dann aber alles zu: Die Passbeamtin hatte ein Formular vorbereitet, Darin stand, dass ich meinen Pass wieder gefunden hätte. Und jetzt eben einen neuen bräuchte. Alles andere, gab man mir zu verstehen, würde nur ewig dauern – und ebenfalls zu keinem anderen Ergebnis führen. Also unterschrieb ich.

Als die Beamtin das Formular zu den Akten legte, lächelte sie: Ich solle in Zukunft eben besser auf meine Dokumente aufpassen. Weil es mich in Teufels Küche bringen könnte, mit einem als gestohlen gemeldeten Dokument durch die Welt zu fahren. Bei solchen Dingen verstehe man heute keinen Spaß mehr – und die Behörde (sie wachelte mit meinem "Geständnis") habe schließlich dann doch immer Recht. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 7.6.2007)

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