Bach statt Blues

7. Juni 2007, 17:00
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Der britische Pop-Avantgardist Colin Newman von den legendären Post-Punks Wire entwirft auch mit seiner neuen (Hobby-)Band Githead spannenden futuristischen Pop: "Art Pop"

In einer Welt, die das Rührstück "Angels" von Robbie Williams als den ultimativen Song der Musikgeschichte feiert, hat es diese Band laut ihrem Kopf Colin Newman einigermaßen schwer. Der britische ehemalige Kunststudent muss seit den späten 70er-Jahren mit seiner Hauptband Wire und auch solo mit heute legendären Alben wie Pink Flag, Chairs Missing, 154 oder A - Z und Commercial Suicide als eine der zentralen Gestalten des Postpunk und der New Wave angesehen werden. Ausgehend von einem akademischen, zutiefst postmodernen und keinesfalls rabiat perlenden (Punk-)Ansatz, versuchte sich Newman immer schon nicht nur an einer Dekonstruktion gängiger Pop- und Rockstrukturen.

Die beinahe völlige Eliminierung der afroamerikanischen Wurzeln und eine Verdichtung klassischer Musikstrukturen auf ihren minimalistischen Kern bedingte unter zusätzlicher Ausschaltung von abgelehntem Gefühl und Sentiment vor einem Vierteljahrhundert auch eine bis heute klar und hell strahlende Pop-Avantgarde, die noch heute im Werk gelehriger Schüler wie Franz Ferdinand und zig anderen derzeit angesagter Popbands ein ungeahntes Echo findet. Allein die bei Wire mehr auf Johann Sebastian Bach und nicht etwa auf Robert Johnson verweisenden Bassfiguren, kombiniert mit den Errungenschaften der Minimalmusik wie auch einer dennoch ausgelebten Neigung zu naiven Kinderliedmelodien und spitzbübischen Texten, die in Songs wie Map Ref. 41 deg. N 93 deg. W oder Kidney Bingos zum Höhepunkt kommen, sie geben eine in Bernstein gegossene Wärme ab, die reizvoll mit der glatten, harten und kalten Oberfläche kontrastiert.

Die zwar immens einflussreiche, aber kommerziell unbedankte "Karriere" von Wire wurde immer wieder unterbrochen von mehrjährigen Bandpausen. In denen beschäftigte sich das noch immer in Originalbesetzung arbeitende Quartett (Gitarrist und Sänger Colin Newman, Bassist und Sänger Graham Lewis, Gitarrist Bruce Gilbert und Drummer Robert Gotobed) mit Ausnahme des schlagzeugenden Biobauern Gotobed mit diversen Spielarten der moderaten bis heftigen (Experimental-)Elektronik. Und Colin gründete gemeinsam mit seiner Frau Malka Spigel von der Anfang der 80er-Jahre nach Brüssel ausgewanderten israelischen Wave-Band Minimal Compact zwischendurch auch das freundliche Elektroniklabel Swim~, Heimstatt seines seit 2004 als professionelles Hobby betriebenen neuen Bandprojekts Githead (zu deutsch etwa: "Schwachkopf"). In dem agiert neben Newman und Spigel sowie dem Minimal Compact-Schlagzeuger Max Franken auch der seit 1992 aktive britische Experimental-Elektroniker Robin Rimbaud alias Scanner als zweiter Gitarrist und Soundverfremder. Eine Kombination, die nicht unbedingt auf die Klänge der jetzt vorliegenden neuen CD schließen lässt.

Einerseits klingen auf dem programmatisch betitelten Album Art Pop Songs wie Drive By oder On Your Own eindeutig nach den alten, heute längst klassischen Gitarrenpop-Dekonstruktionen von Wire, die zuletzt 2003 das mächtige und verstörende und von der Band als ,,Heavy-Metal-Dancefloor" bezeichnete Alterswerk Send vorlegten - und als alte Streithanseln nach einer zu langen Welttournee ihre Zusammenarbeit bis auf Weiteres wieder einmal auf Eis legten. Andererseits erweisen sich Songs wie Space Life mit ihrer betörenden Mischung aus elektronischem Zirpen, verdaddelten Krautrock-Elementen und pulsierendem White-Funk-Rhythmus durchaus als hochmoderne Einlösungen des alten Newmanschen Versprechens eines bedingungslosen und unsentimentalen "Future Pop". (Christian Schachinger, DER STANDARD, Printausgabe, 08.06.2007)

  • Githead - Art Pop (Swim/Import)
    cover: swim/import

    Githead - Art Pop (Swim/Import)

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