"Nach dem Muster der Schweiz"

24. Juli 2007, 19:05
15 Postings

Trotz jahrhundertelangem Training eignet sich die Schweiz nicht zum Erbfeind

Auf den fußballerischen Landkarten Österreichs ist die Schweiz nicht eingezeichnet. Immer noch nicht, obwohl selbst der fanatischste Fanatiker mittlerweile weiß, dass die schweizerische "Nati" jener aus Österreich um genau jenen Tick überlegen ist, den die heimischen Kicker stets zu weit wegstehen vom Gegner.

Aber Vorurteile sind nur schwer abzulegen. Im Sport, wo sie ja hingehören, erst recht. Der Sport wird durchs Vorurteil ja belebt bis zur Rivalität, zu der Österreich und die Schweiz es aber nur im alpinen Skilauf gebracht haben.

Aber zu einer Erbfeindschaft wie gegen Ungarn oder Deutschland wird es bei der Schweiz wohl nie reichen, was aber wahrscheinlich mehr übers Hoffärtige der Österreicher sagt. Denn ein wenig scheinen in diesem Land die Maßstäbe seit jeher verschoben, unproportioniert.

Sempach

In seinem Beitrag zur Fußballgeschichte hat Österreichs belesenster Fußballfan, Wendelin Schmidt-Dengler, auf den Zusammenhang zwischen der austriakischen Ballesterei und der Frühgeschichte österreichisch-schweizerischer Beziehungen aufmerksam gemacht. Schon die Schlacht bei Sempach im Jahr 1386 habe die bis heute gültige Gegensätzlichkeit dargelegt. Auf der einen Seite "grenzenlose Schlamperei und wortreiche Überheblichkeit", auf der anderen "listige Präzision und schweigsame Bescheidenheit". Nicht einmal Deutsche würden da nachfragen, wer wohl wer war.

Als Folge von Sempach ging die schweizerische Familie der Habsburger endgültig ins österreichische Exil, mit all den bekannten Konsequenzen, deren letzte der Friede von St. Germain war, in dem das Land seine wohl letztgültige Zustandsbeschreibung erhielt: Österreich, so dekretierten die Sieger des Ersten Weltkriegs, sei "der Rest". Und welche Definition wäre trefflicher fürs aktuelle Kicken?

St. Germain ist im Grunde auch die Gründungsurkunde des österreichischen Fußballs. Anderswo - in der Schweiz zum Beispiel - mochte der Fußball in der Hauptsache ein Spiel sein. In den mitteleuropäischen Ländern aber - in der Tschechoslowakei, in Ungarn, in Österreich - war der Fußball eine Art Selbstdarstellung des je Nationalen. Nicht umsonst meinte ja die Tante Jolesch, dass, was ein richtiges Mitropacup-Spiel sein will, unbedingt auf der Botschaft zu Ende gespielt werden müsse. Was den Schweizern ihr Spaß, war den Österreichern in Bezug auf die Tschechen und die Ungarn jedenfalls ein ziemlicher Ernst. Und das vor allem deshalb, weil alles andere eben nicht ernst war, sondern hoffnungslos.

Hugo Meisl, der umtriebige Antreiber der ballesterischen Dinge in Mitteleuropa, hätte die Schweiz gerne innerhalb seiner Kreise gehabt. Tatsächlich kickte die schweizerische "Nati" von Anfang an bei dem nach dem tschechoslowakischen Ministerpräsidenten benannten Svehla-Cup, einem mitteleuropäischen Vorläufer der Europameisterschaft. Später nahmen eidgenössische Vereine auch am Mitropacup teil, aber schon 1931 wurde das erste rein Wiener Finale als "Propagandaspiel" im Hinspiel in Zürich ausgetragen. Immerhin 20.000 sahen das 3:2 der Vienna über den WAC, die Basis für den Mitropacupsieg der Vienna.

Dass die Schweizer sich mit "listiger Präzision" aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts herausgehalten haben, bescherte ihnen einen immerwährenden Neid, für den sie sich mit einer immerwährenden Neutralität revanchierten, die dem Land Österreich so gut tat, dass es keinen Fußball mehr brauchte. Auch hier hatte die Schweiz ihre Finger mit im Spiel, und zwar nicht nur dadurch, dass Österreich sich 1955 "nach dem Muster der Schweiz" einzurichten hatte.

Lausanne

Bei der WM 1954 kam es zum Aufeinandertreffen der "Nati" und der "wortreich überheblichen" Elf aus Österreich, die als "Hitzeschlacht von Lausanne" in die Annalen einging. Das 7:5 - die Schweiz stellte innert vier Minuten auf 3:0, Österreich glich innert drei Minuten aus - gab Hoffnung. Im Halbfinale aber passierte Deutschland und das 1:6. Und als die Deutschen auch noch das Finale gegen Ungarn gewannen, war es mit dem mitteleuropäischen Fußball ein für allemal vorbei. Im Jahr darauf wurde das Schweizer Muster im Staatsvertrag amtlich. Noch ein Jahr später revoltierten die Ungarn. Auch sie wollten Schweizer sein.

Was folgte, folgte einer gewissen Logik. Ob die wirklich zu weiteren Beschämungen reicht, bleibt abzuwarten. Aber es steht zu befürchten. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 06.06.2007)

Share if you care.