Reise durch Zeit und Raum

26. Juni 2007, 17:46
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Einen Vorgeschmack aufs Zeitreisen kann man in Wien schon erhalten – wenn auch nur mit dem Computer oder mit dem Handy

Wien – Das Wiener Forschungsprojekt "The Josefsplatz Experience" (Erlebnisraum Josefsplatz) bietet eine virtuelle Zeitreise rund um den geschichtsträchtigen Platz bei der Hofburg und durch den Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek.

Zweieinhalb Jahre lang haben die Mitarbeiter des VRVis (Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung) und des Forschungszentrums Telekommunikation Wien (ftw) mit Unterstützung der Nationalbibliothek die Archive nach Bildmaterial erforscht, haben den Platz und den Prunkraum von allen Winkeln aus fotografiert und das gesammelte Material zu einem dreidimensionalen Modell verarbeitet. Dieses soll den Besuchern künftig die Veränderungen des Platzes über die Jahrhunderte hinweg auf vielfältige Weise erlebbar machen. Während der Nutzer etwa die Fassade anno 1800 bewundert, kann er gleichzeitig Kompositionen lauschen, die hinter dieser Fassade zur selben Epoche erklangen.

Noch ist das Ganze ein Prototyp. "Ziel der innerhalb des Projekts entwickelten Lösungen ist es unter anderem, interaktive intelligente Stadtführer anbieten zu können", erklärt VRVis-Projektleiter Georg Rothwangl.

Ungeahnte Aussichten

Eine der Besonderheiten ist, dass der Nutzer bei seiner virtuellen Besichtigungstour auch Standpunkte einnehmen kann, die ihm normalerweise verwehrt sind. Zum Beispiel einen Blick durch den Prunksaal aus den Augenwinkeln von Kaiser Karl IV. werfen, der 1722 die seinerzeitige Hofbibliothek von Johann Fischer von Erlach erbauen ließ und heute als Steinstatue seine schützende Hand über die 200.000 Werke dort hält. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Forscher das Modell auch für Mobiltelefone aufbereitet haben. Die technische Herausforderung lag dabei in der Umsetzung der Echtzeit-3-D-Darstellung, die auch die leistungsfähigsten Handymodelle immer noch an ihre Leistungsgrenzen stoßen lässt.

Bei ihrer zukunftsweisenden Arbeit haben die Forscher auch kleine Schummeleien aus der Vergangenheit aufgedeckt: "Auf einigen Bildern fehlten schlichtweg einige Fenster, auf anderen gab es Schattenwürfe, die unserer Rekonstruktion zufolge schlichtweg unnatürlich waren", berichtet VRVis-Geschäftsführer Georg Stonawski. Wann das Projekt für jedermann greifbar sein wird, ist noch offen. Die Forscher jedenfalls arbeiten schon am nächsten Vorhaben: "WikiVienna". Mithilfe von Handy-Schnappschüssen, Videoschnipseln und Tondateien soll eine multimediale 3-D-Version der Bundeshauptstadt entstehen. (Karin Tschentke, DER STANDARD Printausgabe, 6.6.2007)

  • Blick in die Vergangenheit des Josefsplatzes: Ein Zukunftsprojekt wird Wirklichkeit – mit jedem Handy funktioniert’s aber nicht
    foto: vrvis

    Blick in die Vergangenheit des Josefsplatzes: Ein Zukunftsprojekt wird Wirklichkeit – mit jedem Handy funktioniert’s aber nicht

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