Kopf des Tages: Zwischen Wald und Farbfeld

5. Juni 2007, 19:19
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Der Maler Herbert Brandl, der in besonderem Maße die Möglichkeiten der Farbe auslotet, vertritt Österreich in Venedig

Herbert Brandl malt Berge beziehungsweise Landschaften so treffend, wie sie nur einer malen kann, der diverse Massive unterschiedlichster Weltgegenden mehrmals in einem Bildband bestiegen hat, unzählige Landschaften auf Fotos abgegangen ist. Oder wie einer, der sich für Skulpturen interessiert, für möglichst beeindruckende Gebilde, die der Fernsicht standhalten.

Brandl erzeugt die Vorbilder echter Berge, Baupläne für kommende Schöpfer: Wenn du einen Berg willst, gibt er an, verlier dich nicht im Detail, brauchst du einen Wald, halt dich nicht mit Blättern oder Laub auf, und Sonnenuntergänge verbinde mit dem Abendrot oder dem Frühnebel, dass sie sich mit ein wenig Farbe besser vermitteln lassen, als sie in echt je wirken könnten.

Brandl lässt sich nicht ablenken, hält sich nicht auf mit näheren Angaben für gemeine Wanderer oder Förster. Ein Wald ist eben keine gewachsene Versammlung von viel Holz, sondern der Ausdruck der kollektiven Meinung über sein Wesen. Und ein Berg ist eben kein großer Steinhaufen, sondern ein Bild, das rührt. Und Drachen kommen in der Natur überhaupt nur auf Leinwänden vor. Brandl hat seit über zwanzig Jahren ein malerisches Werk geschaffen, das in besonderem Maße die Möglichkeiten der Farbe auslotet. Seine Malerei stellt aktuell eine der raren Positionen dar, die ebenso im figurativen Bereich wie auch in der Abstraktion verankert sind.

Eine Reihe von Beteiligungen bei wichtigen Ausstellungen (documenta 9, Kassel 1992, "Painting on the Move", Basel 2002) und Einzelausstellungen in renommierten Häusern wie der Kunsthalle Bern, der Wiener Secession, der Kunsthalle Basel und der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz, machten die Malerei von Herbert Brandl international bekannt.

Er wurde 1959 in Graz geboren und lebt und arbeitet in Wien und Düsseldorf. Er studierte von 1978 bis 1982 an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien, unter anderem bei Peter Weibel, und lehrt seit 2004 als Professor für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Brandl wird u. a. vertreten durch die Galerie Rosemarie Schwarzwälder, Wien.

Was von Herbert Brandl in Venedig zu erwarten sein wird? Er wird schlicht seine Malerei weiter vorantreiben. Brandl erprobt bildgebende Verfahren, nimmt unter den Malern seiner Generation, die unsinnigerweise immer noch gerne in das 80er-Jahre-Logo "Heftige Malerei" gepresst werden, die vielleicht methodischste Position ein.

Fotos sind ihm Anlassfälle, zu erproben, auf wie viele Elemente sich ein Bild reduzieren lässt und dennoch als Landschaft, als Berg, erkennbar bleibt. Eine der Hauptfragen: Wo liegt der Kipppunkt zischen Wiedererkennungswert und rein emotionaler Wirkung als Farbfeld? (Markus Mittringer, DER STANDARD, Printausgabe, 06.06.2007)

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    foto: heribert corn
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