Brandenburg sehen und sich erbrechen

8. Juni 2007, 20:21
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Seine Volksbühnen-Inszenierung von Célines Roman "Norden" soll Zeitgeschichte-Beschwichtigern wie Guido Knopp etwas Brachiales entgegensetzen

Regisseur Frank Castorf über die Macht des Neinsagens.

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Wien – Frank Castorfs Entscheidung, nach der Dramatisierung von mehreren dickleibigen Dostojewski-Romanen ausgerechnet Louis-Ferdinand Célines groteske Vertriebenen-Prosafarce Nord aufzuführen (Festwochen-Premiere morgen, Donnerstag, 19 Uhr im Museumsquartier), ist vorweg ein Urteil über die Scheinheiligkeit der Nachkriegskultur. Céline peitschte seine Sätze im höhnischen Stakkato heraus. Mit der rigiden Verhöhnung der Welt machte er sich freilich nicht viele Freunde.

Céline (eigentlich: Destouches, 1894–1961) war Kollaborateur der französischen Vichy-Regierung. Er flüchtete 1944 mit Katze, Frau und Schauspielerfreund durch Deutschland, um zwischenzeitlich in Brandenburg zu stranden. Céline, der geifernde Zyniker, Autor des Jahrhundertbuchs Reise ans Ende der Nacht, eignet sich für keine Besinnungsaufsätze. Man muss sein Gossenfranzösisch in den Ohren klingeln hören (die deutsche Übersetzung von Norden vermittelt leider ein nur unzureichendes Klangbild), um die kulturdia-gnostische Kraft dieses "Motzens" zu erfahren.

Castorf, Chef der Berliner Volksbühne, räuspert sich erst einmal, wenn er sein Interesse am Werk des Sympathisanten mit dem Nationalsozialismus erläutern soll: "Hass ist auf jeden Fall eine wesentliche Produktivkraft bei diesem Autor: alles anzugreifen, was scheinbar geformt ist – unsere Kultur und Literatur. Gleichzeitig wollte er nicht wiederholen, was er wie sein Kollege Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg erfahren hat." Gemeint ist das Trauma der Materialschlachten in Verdun und an der Somme: Produkt der Unversöhnlichkeit zwischen Frankreich und Deutschland, deren mögliche Überwindung auch den greisen Marschall Pétain bewogen haben mag, mit Hitler-Deutschland zu kollaborieren.

Oder, wie Castorf sagt: "Natürlich war Pétains Entscheidung politisch-moralisch grundfalsch, aber es war eben eine mögliche Entscheidung!" Die Chance, Deutschland mit Frankreich zu verschmelzen und einen begrenzten "Verteidigungsraum" zu bilden, hätte dazu dienen sollen, den "bolschewistischen" Sturm aus der Steppe abzuwehren.

Linke Heuchelei

Castorfs provokante These reicht noch weiter: Europa wäre vielleicht sogar die Amerikanisierung erspart geblieben. Man müsse Célines Gezeter nicht verinnerlichen, um zu begreifen: Die konservativen Revolutionäre der Zwischenkriegszeit waren häufig weniger heuchlerisch als viele ihrer linken Pendants.

Castorf: "Dabei ist Norden ein Deutschland-Hassroman. Es heißt darin ja auch: Von Neustrelitz aus sieht man über die Ebene bis hin zum Ural. Céline, der Literaturerneuerer, dem die Sprache unter den Händen explodierte wie zuvor Döblin in Berlin Alexanderplatz, ließ etwas einfließen, was früher verboten war durch das akademische Denken der Literatur in Frankreich. Diese Sprache des ,Argot’ nannte Gottfried Benn diejenige eines ,Kotzers‘: Gestern waren es die Bolschewiken, heute sind es die Juden, morgen die Gärtnerlehrlinge ...!"

Neue Art von Moral

Welches Prinzip Célines Sprachexzessen zugrunde liege, erkundet Castorf tastend: "Was will er damit erreichen, dass er etwas so radikalisiert ausspricht? Es ist eine derart forcierte Gegenkraft ... Der schön geformte, weißhaarige Hauptmann Ernst Jünger sitzt in Paris. Beide mochten sie einander nicht. Und Jünger fragt: ,Wie soll man die ,Judenfrage‘ klären?‘ – Da antwortet Céline, der die Welt aus der Sicht eines Clochards wahrnahm: ,Wie viele Bajonette hat die deutsche Wehrmacht?‘ Das ist so höhnisch und direkt, dass Jünger – ein Nazi, der wusste, wie weit er gehen durfte – erst einmal gar nichts zu antworten wusste, sondern nur erschrocken war."

An Céline reizt Regisseur Castorf (56), der zwar nie Stücke oder Stoffe "zertrümmert", sie aber sehr wohl anarchistisch befragt hatte, gefüttert mit der Widersetzlichkeit des DDR-Sozialisierten, die Überwindung des "Offizierkasinos" – für das Jünger einsteht. Bei dem auch Bundeskanzler (Kohl) und Präsidenten (Mitterand) Jahrzehnte später zu Mittag speisten. Castorf: "Vielleicht kann man Célines Wut physiologisch, also mit ,Kotzen‘ erklären: Da kommt, wie bei anderen körperlichen Überfallattacken, etwas heraus. Das ist das ungeheuer Interessante: Es entlädt sich."

Ein "Zuchtmeister"

Während sich Céline fern der Heimat bestohlen wähnt – um seinen Ruhm gebracht –, heimsen angesagte Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre die ganze Anerkennung ein. Leute wie Céline, sagt Castorf, seien "Zuchtmeister". Sie sprächen Dinge ohne Rücksicht aus, und man müsse sie nicht lieben und könne dennoch die Wahrheitspotenziale ihrer Schriften freisetzen: "Wenn Handke am Grab von Miloševiæ steht, frage ich mich ja auch zuerst einmal: ,Was hat ihn dazu bewogen‘, ehe ich über ihn herfalle."

Zunächst aber müssen ein Mann, dessen Frau, ein Kater und noch ein Mann ums Überleben kämpfen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, Printausgabe, 06.06.2007)

Ab Donnerstag, Halle E im MQ, 19.00.
  • Frank Castorf treibt die Gespenster der "Political Correctness" aus: Sein Projekt "Norden" erweist dem Dichter Louis-Ferdinand Céline Reverenz.
    foto: regine hendrich

    Frank Castorf treibt die Gespenster der "Political Correctness" aus: Sein Projekt "Norden" erweist dem Dichter Louis-Ferdinand Céline Reverenz.

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