Koexistenz vor dem Sonnenaufgang

20. April 2008, 18:30
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Nächtliches Festwochen-Freilufttheater "Het blauwe uur – Die blaue Stunde" inszeniert von Lotte van den Berg

Wien – Lotte van den Berg, die Tochter des richtungsweisenden Puppenspielers Josef van den Berg, hat sich mit ihren Inszenierungen den wortlosen Ereignissen verschrieben. Die Stücke der niederländischen Regisseurin, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann, verweisen auf Alltägliches, auf Eindrücke, die man jederzeit, an jedem Ort, ohne dramaturgische Anleitungen, selbst erleben könnte.

Die Festwochen setzen diese Woche die stille Produktion Het blauwe uur – Die blaue Stunde in Szene. Und auch das, was hier vorgespielt wird, könnte irgendwo ohne konzeptuelles Zutun einfach so geschehen. Man versammelt sich noch vor dem Morgengrauen, spaziert in eine „Straße in Wien“ und wartet dort, auf kleinen Holzhockern sitzend, auf den Tag.

Die Morgendämmerung wird vom Auftreten einzelner, scheinbar wirr zusammengestellter Personen begleitet. Ein Jogger verlässt das Haus, ein Zeitungskurier fährt vorbei, lässt sich, zwar verwundert, von der wartenden Menschenansammlung auf den zur Tribüne getürmten Holzstühlen kaum ablenken. Mehrmals marschiert eine müde Musikkapelle vorbei, ein Straßenreinigungswagen fährt mit Blinken ein, und kurz bevor der Jogger seinen Morgenlauf beendet, torkelt ein Jugendlicher von der Disco heim.

Atmosphärisch

Van den Berg setzt auf die Stille, inszeniert kommentarlos die Koexistenz der Menschen mit ihrer Umwelt und untereinander und verlässt sich darauf, dass die Atmosphäre für sich spricht. Dass dabei eher Langeweile ausgelöst wird, liegt dann kaum an der Müdigkeit des Publikums, das sich immerhin zu einer ungewöhnlichen Stunde auf ein unkonventionelles Theatererlebnis eingelassen hat.

Vielmehr liegt es daran, dass die Personen zwar nett, aber allzu willkürlich auftreten, weder als beliebige Figuren noch als ausgeprägte Charaktere. Auch ist es nicht das Erwachen einer Straße, das gezeigt wird, sondern das routinierte Aneinander-vorbei-Leben ihrer Bewohner.

Das Anschwellen des Stadtlebens bekommt man dann selbst beim Heimgehen um fünf Uhr morgens mit. Das Besondere auf diesem Weg ist eine ungewöhnlich friedliche Ruhe, mit der man dann tatsächlich die Vogelstimmen im beginnenden Verkehrslärm heraushört. So ruhig wartet man selten, bis es hell wird! (Isabella Hager/ DER STANDARD, Printausgabe, 05.06.2007)

Bis 10. Juni, Treffpunkt: 3.30 Uhr, Halle E, Museumsquartier
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    foto: festwochen/armin bardel
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