Verlust und Vielfalt: "Kolo Moser 1868–1918"

12. Juni 2007, 13:22
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Die umfassende Schau im Leopold Museum legt einen Fokus auf Mosers Malerei, der Hauptaspekt – das Kunstgewerbe – geht dabei unter

Wien – Sein öffentliches Maler-Debüt gab Kolo (Koloman) Moser im Mai 1911 in der Galerie Miethke, damals die erste Adresse für zeitgenössische Kunst in Wien. Eine kleine Besonderheit: Die dort gezeigten Bildwerke trugen allesamt keine Bezeichnung, im Katalog fanden sich nur Nummern, das zugehörige Entstehungsjahr – und Raum für Notizen. Moser ging es um das Sehen, nicht um das Lesen. Für den 43-Jährigen war es zudem eher eine Zwischenbilanz als eine Zäsur. Hinter ihm lagen eine Ausbildung (1886–92 Akademie der bildenden Künste, 1893–95 Kunstgewerbeschule), 1897 die Gründung der (Vereinigung bildender Künstler Österreichs) Secession und jene der Wiener Werkstätte (1903). Im Rahmen seiner Professur an der Kunstgewerbeschule zog er von 1900 an bis kurz vor seinem Tod 1918 eine Generation nennenswerter junger Künstler heran. Erfolge hatten sich bereits in stattlicher Zahl eingestellt, wenn auch öfter auf internationalem denn auf heimischem Terrain.

Falsche Auslegungen

"Künstlerisch schaffen, heißt künstlerische Erlebnisse zu haben", notierte er 1916. Und insofern hatte sich Moser selbst nie als Maler verstanden, sondern als Kunstschaffender, der seine Herausforderungen in den unterschiedlichen Materialien und Techniken fand. Darüber setzt sich die Retrospektive im Leopoldmuseum wohl etwas drastisch hinweg.

Das Ziel, die künstlerische Entwicklung und die Vielfalt seines Schaffens zu präsentieren scheint man im Zuge der Konzeption aus den Augen verloren zu haben. Nicht anders ist die so offensichtliche Bemühung Kolo Moser als Maler zu etablieren zu verstehen. Ein Eifer, der die Ausstellungsräume im Untergeschoß deutlich dominiert und das Obergeschoß völlig in Beschlag genommen hat. Ein idealer Nährboden für falsche Auslegungen, auf denen entsprechende verfehlte Rezensionen erblühen. In den Schwachstellen der Präsentation wurzelt die Kritik.

Zwischen fertig gestellten Werken und Studien wird nicht unterschieden, das Publikum findet eine allzu demokratische Hängung vor. Unfertiges und wohl von Moser niemals als "Gemälde" Vorgesehenes mischt sich unter wahrhaft Gelungenes – etwa die frühen Semmering-Ansichten oder auch spätere Porträtdarstellungen.

Den Vorwurf des Epigonentums verschuldet man durch Über- (Ferdinand Hodler) wie Unterbewertung, Letztere etwa beim vernachlässigten Kunstgewerbe, jenem Sektor, auf dem Kolo Moser die ersten großen internationalen Erfolge feierte. Unversierte finden Analogien zu Josef Hoffmann, ja orten hier gar Moser’sche Nachahmungsfreude. Es war in der Mehrheit exakt umgekehrt, aber diesen Beweis will man hier scheinbar gar nicht führen.

Mosers herausragenden Leistungen und seinen nachweisbaren Einfluss auf jene Epoche sollen ein paar Pretiosen hier, manch luxuriöser Hausrat dort vor Augen führen? Das ist schlichtweg zu wenig, und auch eine Frage der Präsentation. Die für seine Entwürfe charakteristische Eleganz hätte nicht nur weiterer Exponate bedurft, sondern ganz klar einer entgegenkommenderen Behandlung. Den gezeigten Möbeln fehlt jeder Bezug, zur historischen Entwicklung und zum ursprünglich konzipierten Interieur.

Lieblos stehen sie beieinander, ihres charakteristischen Verve völlig verlustig. Das geht auch anders, wie die Fachwelt weiß und wie es eine Neue Galerie in New York zum Prinzip erkoren hat. Zudem führen scheinbar für ihren Job auch völlig ungeeignete "Kunstvermittler" durch die Ausstellung:

Verdienstvoll

Die Anmut und Feinheit von Mosers Intarsienkunst wird mit "Naja, ist Geschmackssache" kommentiert, und fachlich werden unglaubliche Schnitzer verbreitet, wie dass das als Interieur Eisler-Terramare identifizierte "die erste von der Wiener Werkstätte völlig ausgestattete Wohnung" gewesen sein will.

Mit alldem werden Leopold und sein Kurator Gerd Pichler leben können. Auch, weil die Retrospektive ein Verdienst ist, ein für das Verständnis zum Oeuvre erster relevanter Wurf. Den von Kolo Moser seinem malerischen Werk zugestandenen und erwähnten Raum für Notizen hat man zu wörtlich genommen. Manchmal tut solche Übertreibung auch Not, um aus der Fülle, das Besondere erkennen zu können. (Olga Kronsteiner/ DER STANDARD, Printausgabe, 05.06.2007)

Ausstellung bis 10. 9.
  • Kontur und Fläche dominieren zulasten der Plastizität: Um 1913 schuf Moser das "Liebespaar".
    foto: leopold museum

    Kontur und Fläche dominieren zulasten der Plastizität: Um 1913 schuf Moser das "Liebespaar".

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