Abschauen von den Dänen

1. Juli 2007, 18:59
86 Postings

Exkursion nach Kopenhagen: Die Grünen machten sich über das "Flexicurity"-Modell schlau und ziehen im STANDARD-Interview ihre arbeitsmarktpolitischen Schlüsse

In Dänemark ist nicht alles perfekt, aber arbeitsmarktpolitisch macht man dort vieles richtig: Diesen Schluss haben Alexander Van der Bellen und Maria Vassilakou aus einer Reise in das Wirtschaftswunderland gezogen. sprach in Kopenhagen mit ihnen.

***

STANDARD: Warum hat es den Grünen ausgerechnet das dänische System angetan?

Van der Bellen: Dänemark hat beeindruckende Arbeitsmarkt-Zahlen, besonders die niedrige Arbeitslosigkeit und den sehr hohen Beschäftigungsgrad. Freilich bleibt auch die Frage: Was war Glück und hat mit der guten Konjunktur zu tun, und was war ein Ergebnis der Reformen des letzten Jahrzehnts.

Vassilakou: Genau deswegen ist es uns wichtig, eine kritische Perspektive auf das vielgelobte dänische System zu bekommen. Und es geht jetzt einfach darum, genau zu ermitteln, was daraus für Österreich und Wien als Vorbild wirken kann.

STANDARD: Welche Reformen halten Sie für besonders gelungen? Und was kann man in Österreich daraus lernen oder übernehmen?

Van der Bellen: Das dänische System ist historisch gewachsen und beruht auf dortigen Traditionen. Man kann daher aus diesem Paket nicht einfach einzelne Maßnahmen herausgreifen und glauben, dass man in Österreich damit den selben Erfolg erzielen kann. Mir erscheint die Kombination aus Flexibilität, Einkommenssicherheit und aktiver Arbeitsmarktpolitik als insgesamt gelungen. Unverständlich bleibt mir, warum es in Dänemark keine staatliche Arbeitslosenversicherung gibt.

Vassilakou: Dafür gibt es für Arbeitslose einen Rechtsanspruch auf individuelle Betreuung. Außerdem ist die Einkommensverteilung wesentlich ausgeglichener als in Österreich. Hinzu kommt, dass in Dänemark die Ganztagsbeschäftigung überwiegt, während in Österreich ein Boom von Teilzeit- und Geringfügigkeitsjobs, von denen man nicht leben kann, vorherrscht.

STANDARD: Flexicurity ist ein zentrales Stichwort für den dänischen Arbeitsmarkt. Auch österreichische Arbeitnehmer sind hochflexibel.

Van der Bellen: Das stimmt, aber die Einkommenabsicherung ist hier weniger ausgeprägt. Die Dänen haben praktisch eine Beschäftigungsgarantie. Diese grundsätzliche Philosophie nimmt den Arbeitnehmern die Job-Angst, und das ist wiederum gut für die Wirtschaft.

STANDARD: Ein dänischer Arbeitsloser erhält bis zu 90 Prozent seines letzten Gehaltes an Arbeitslosengeld. Wäre eine derart hohe Ersatzrate auch in Österreich denkbar?

Van der Bellen: Hier muss man zuerst einmal die Zahlen relativieren: Der Höchstbetrag ist gedeckelt, besonders für Besserverdiener gibt es also auch in Dänemark einen Einkommensdruck, der allerdings bei Weitem nicht so hoch ist wie in Österreich.

STANDARD: Was macht das dänische Arbeitsmarktservice besser als das österreichische?

Van der Bellen: Arbeitslosen wird einerseits mehr Zeit gegeben, andererseits werden sie besser gefördert. Man kümmert sich um ihre individuellen Karrieren. Ganz allgemein wird hier viel mehr Geld und Energie in die Bildung investiert. Die Kombination aus Förderung und Druck, die es am dänischen Arbeitsmarkt gibt, ist durchaus im Sinne des grünen Programms.

Vassilakou: Bei uns haben Arbeitslose immer eine Bittsteller-Rolle inne. Es fehlt an Personal, Betreuer haben im Schnitt nur fünf Minuten Zeit pro Klient. Die Fortbildung setzt zu wenig an den Bedürfnissen und Qualifikationen der einzelnen Klienten an. Für eine aktive Arbeitsmarktpolitik wären massive Investitionen notwendig: Wer arbeitslos wird, braucht einen Rechtsanspruch auf individuell maßgeschneiderte Fortbildungen oder Neuqualifizierungen und daraus resultiert einfach ein höherer Personalbedarf für das AMS.

Van der Bellen: Viele der so genannten Qualifizierungsmaßnahmen sind ja geradezu absurd - ich denke da an das Beispiel der Personalleiterin, die das Schreiben von Bewerbungen üben soll. Das Arbeitsmarktservice muss seine Politik deutlich ändern.

Vassilakou: In Dänemark hat jedes regionale Arbeitsmarkt-Service ein so genanntes "Advisory Board", in dem Betroffene, Betreuer und Vertreter der Verwaltung sitzen. Das würde etwa unserem Anliegen einer Arbeitslosenanwaltschaft entsprechen.

STANDARD: Besonders auffällig ist in Dänemark die hohe Beschäftigungsrate der Frauen, auch im Vollzeit-Bereich.

Vassilakou: Das ist auf die vorbildliche Kinderbetreuung zurückzuführen, die Aufgabe der Kommunen ist. Diese Kinderbetreuung ist auch qualitiativ wertvoll, sie ist weit mehr als nur eine "Verwahrung" der Kinder. Man kommt den Bedürfnissen der Eltern viel mehr entgegen als in Österreich, und die Bürger müssen nicht "dankbar" sein für die angebotenen Leistungen. Eltern haben in Dänemark einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem 1. Lebensjahr des Kindes, zusätzlich haben die Kinderbetreuungseinrichtungen 12 Stunden geöffnet.

Van der Bellen: Für die Dänen ist der Rechtsanspruch auf hochwertige Kinderbetreuung seit Jahren selbstverständlich, bei uns ist das immer noch eine riesige Streitfrage.

Vassilakou: Hier sind die Kommunen auch mit wesentlich mehr Geld ausgestattet. Das ist ein wesentliches österreichisches Problem: Die Gemeinden haben zwar viele Aufgaben, aber keine Mittel zur Finanzierung. In Dänemark gibt es einen interkommunalen Finanzausgleich - wenn wir den fordern, werden wir als Phantasten bezeichnet.

STANDARD:Abschließendes Resumee: Haben die Dänen den Stein der Weisen für den Arbeitsmarkt gefunden?

Vassilakou: Das sicher nicht. Das größte Problem sehe ich im Bereich Integration: Migranten sind in Dänemark sehr schlecht auf dem Arbeitsmarkt integriert, obwohl sie nur wenige Prozent der Bevölkerung ausmachen. Darüber hinaus sind nur etwa 80 bis 85 Prozent der Arbeitnehmer von der Arbeitslosenversicherung erfasst. (Andrea Heigl, Kopenhagen, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 05.06.2007)

Alexander Van der Bellen (63), karenzierter Professor für Volkswirtschaftslehre, ist seit 1997 grüner Bundessprecher.

Die gebürtige Griechin Maria Vassilakou (38) ist seit 2004 Chefin der Wiener Grünen.
  • Grüne Aussichten: Bundessprecher Alexander Van der Bellen und Wien-Chefin Maria Vassilakou würden gerne einige dänische Ideen nach Österreich importieren.
    foto: standard/christian fischer

    Grüne Aussichten: Bundessprecher Alexander Van der Bellen und Wien-Chefin Maria Vassilakou würden gerne einige dänische Ideen nach Österreich importieren.

Share if you care.