Ex-Diktator Taylor erschien nicht zu Kriegsverbrecherprozess

2. Juli 2007, 19:02
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Angeklagter entließ am ersten Verhandlungstag seinen Verteidiger - Verhandlung auf 25. Juni vertagt

Den Haag - Mit einem Eklat hat am Montag in Den Haag der Kriegsverbrecher-Prozess gegen den Ex-Präsidenten von Liberia, Charles Taylor, begonnen. In einem Schreiben an das Sondertribunal für Sierra Leone (SCSL) verweigerte der Angeklagte seine Teilnahme mit der Begründung, er erwarte kein "faires Verfahren".

Die Anklage hielt ihr Eröffnungsplädoyer ohne Taylor und seinen Verteidiger, bevor sich das Gericht auf den 25. Juni vertagte. Sie wirft dem 59-Jährigen vor, den blutigen Konflikt im benachbarten Sierra Leone angezettelt zu haben, bei dem zwischen 1991 und 2001 rund 120.000 Menschen ums Leben kamen. Taylor weist alle Vorwürfe von sich.

Schwere Vorwürfe

In ihrem Eröffnungsplädoyer warfen Chefankläger Stephen Rapp und sein Kollege Mohamed Bangula dem früheren Präsidenten vor, die Bevölkerung des Nachbarstaats mit Hilfe der von ihm kontrollierten Rebellenbewegung Revolutionäre Front (RUF) mit einer "Kampagne des Terrors" überzogen zu haben. Taylors Rebellen hätten ihre Opfer gefoltert, verstümmelt und getötet oder sie vergewaltigt und zu Sexsklavinnen erniedrigt. "Zu den gespenstischsten Bildern des Kriegs gehören die der Kindersoldaten, deren Gewehre größer sind als sie selbst", sagte Bangula. Auch wenn Taylor nicht persönlich an den Gräueln beteiligt gewesen sei, habe er dem Nachbarland "deutlich seinen Stempel" aufgedrückt.

Verteidiger verließ den Gerichtssaal

In dem von seinem Verteidiger Karim Khan verlesenen Schreiben hatte Taylor zuvor beklagt, seine Verteidigung habe angesichts einer finanziell und personell übermächtigen Anklagebehörde keine Chance. "Ich kann an dieser Farce nicht teilnehmen, die den Menschen in Sierra Leone und Liberia Unrecht antut", schrieb er weiter. Als die Vorsitzende Richterin Julia Sebutinde Khan anwies, seinen Mandanten zu vertreten, verließ dieser nach einem Schlagabtausch mit der Richterin und Chefankläger Rapp den Saal. Sebutinde setzte daraufhin das Verfahren mit einem Pflichtverteidiger fort. Vor dem Gerichtsgebäude kündigte Khan an, Taylor werde sich künftig selbst verteidigen.

Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Der ehemalige Laienprediger muss sich in elf Punkten für ihm vorgeworfene in Sierra Leone begangene Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Die Anklage will in dem Verfahren nachweisen, dass er die RUF von Liberia aus finanziert, angestiftet und kontrolliert hat. Der Bürgerkrieg im eigenen Land, bei dem zwischen 1989 und 2003 rund 280.000 Menschen umkamen, ist nicht Gegenstand des Prozesses.

Chefankläger Rapp sagte nach dem ersten Prozesstag, Taylor schneide sich mit seinem Boykott ins eigene Fleisch: "Seine Entscheidung, einfach in seiner Zelle zu bleiben, wird ihn nicht vor einem Urteil schützen." Selbstverständlich müsse eine angemessene Verteidigung gewährleistet sein, so Rapp weiter. Gleichzeitig aber wies er darauf hin, dass für Taylors Anwaltsteam doppelt so viel Geld bereit stehe wie für andere Angeklagte in Sierra Leone.

Der Prozess gegen Taylor sollte ursprünglich ebenfalls in Sierra Leone stattfinden, wurde dann aber aus Sicherheitsgründen nach Den Haag verlegt. In der Hauptstadt Freetown verfolgten hunderte Menschen den auf Großleinwänden übertragenen ersten Prozesstag. Sie reagierten zumeist ärgerlich auf Taylors Boykott. "Der Teufel schämt sich, zu seinen Taten zu stehen", sagte einer von ihnen.

Der Prozess gegen Taylor soll bis Weihnachten 2008 abgeschlossen sein. Im Falle einer Verurteilung wird der Ex-Präsident seine Haft in Großbritannien absitzen. (APA)

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    Charles Taylor wird für den Tod von zehntausenden Menschen verantwortlich gemacht. Zu den Überlebenden zählen ehemalige Kindersoldaten, die heute in Liberias Fußballteam für Amputierte trainieren und spielen

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