"Kunde hat kein Mascherl mehr"

1. Juli 2007, 16:44
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Einmal die Luxusreise zu 10.000 Euro, ein ander­mal die Sparvariante zu 299 Euro: Was das für die Urlaubsmacher heißt, klärt der Verkehrsbüro-Touristikchef im STANDARD-Interview

Einmal die Luxusreise zu 10.000 Euro, ein andermal die Sparvariante zu 299 Euro: Der Kunde von heute ist experimentierfreudig. Was das für die Urlaubsmacher heißt, erklärte Martin Bachlechner, Touristikchef des Verkehrsbüros.

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STANDARD: Was ist los auf dem Reisemarkt? Die Konjunktur läuft gut, die Angst vor Arbeitsplatzverlust ist einem gewissen Optimismus gewichen. Dennoch bleiben nicht wenige Reiseveranstalter heuer auf ihren Urlaubspauschalen sitzen.

Bachlechner: Wir haben bei den Buchungen bis jetzt ein Plus von sechs Prozent gegenüber 2005. Das ist in Anbetracht der derzeit etwas schwierigen Situation ganz in Ordnung. Wenn man freilich bedenkt, dass wir heuer schon bei 20 Prozent plus waren, sind die sechs Prozent von jetzt schon eine Enttäuschung.

STANDARD: Seit wann merken Sie diese Zurückhaltung beim Buchen?

Bachlechner: Seit der Karwoche. Vorher lief das Geschäft gut, die vergangenen zwei Wochen waren auch wieder besser.

STANDARD: Aufgrund der allenthalben beklagten Buchungsflaute müsste heuer ein starkes Last-Minute-Jahr werden?

Bachlechner: Das hängt davon ab, wie stark die Veranstalter die Flüge konsolidieren. Werden Flüge zusammengelegt, wird es weniger Last Minutes geben, ist viel am Markt, gibt es entsprechend mehr.

STANDARD: Verkehrsbüro und Ruefa zusammen haben mehr als 150 Reisebüros, Sie probieren darüber hinaus aber auch neue Vertriebskanäle aus - Stichwort Hofer.

Bachlechner: Bei Hofer haben wir inzwischen schon ein Stammpublikum. Gerade in einem Jahr, wo es eine schlechte Auslastung bei den Flügen gibt, hat Hofer eine noch größere Chance, weil er noch bessere Preise anbieten kann als ein herkömmlicher Veranstalter.

STANDARD: Beratung gibt es dort aber keine?

Bachlechner: Dort ist das Angebot so genau beschrieben, dass Beratung überflüssig ist.

STANDARD: Wer sind die Leute, die im Supermarkt einen Urlaub gemeinsam mit Milch und Brot kaufen?

Bachlechner: Das kann man heutzutage gar nicht mehr genau sagen. Wir haben Kunden, die machen die teuersten Reisen, geben bis zu 10.000 Euro aus und buchen das nächste Mal einen Türkeiurlaub um 299 Euro. Man kann dem Kunden kein Mascherl mehr geben. Heute kauft er im Supermarkt, morgen bucht er im Reisebüro, der Kunde von heute lässt sich nicht mehr einordnen.

STANDARD: Was sind die Renner im heurigen Sommer?

Bachlechner: Die Türkei ist wieder stark im Kommen, dort haben wir ein Plus von 34 Prozent. Auch Ägypten ist überraschend stark mit plus 29 Prozent - erklärbar durch ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Wo wir wirklich etwas leiden ist Griechenland mit minus 7,7 Prozent, Italien mit minus 3,5 Prozent und Spanien mit minus 3,2 Prozent.

STANDARD: Kommt der Buchungsrückgang bei Griechenland überraschend?

Bachlechner: Nicht wirklich. Griechenland hat im Vorjahr von der Türkeikrise profitiert, wie übrigens Spanien auch. Für uns war klar, dass dieses Niveau nicht zu halten sein würde, wir haben deshalb auch die Kapazität um sieben Prozent zurückgenommen.

STANDARD: Welche Trends sehen Sie am Reisemarkt?

Bachlechner: Die Leute machen kürzere Reisen, buchen dafür aber öfters. Das zeigt auch die Entwicklung im Städtetourismus. Bei den Städteflügen haben wir ein Plus von 20 Prozent. Dennoch glaube ich, dass es den klassischen Familienurlaub über 14 Tage weiter geben wird. Für mich sind die Schiffsreisen ein Phänomen. Auch immer mehr Familien buchen das.

STANDARD: Für wie lange sind die Leute dabei an Bord?

Bachlechner: Durchschnittlich sieben bis 14 Tage. Egal ob Dubai, Indischer Ozean oder Mittelmeer: In der Kreuzfahrt läuft derzeit alles gut.

STANDARD: Es gibt immer mehr ältere Menschen und immer weniger junge. Ein Problem?

Bachlechner: Das wird sicher schwierig, gerade auch in Österreich. Wir überlegen, noch stärker im Ausland Fuß zu fassen und Märkte zu bearbeiten, wo es noch Potenzial gibt. Wir sind in der Slowakei, Polen, Ungarn und Tschechien an knapp zwei Dutzend Standorten vertreten, einige werden noch dazukommen. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.06.2007)

Zur Person
Martin Bachlehner (54) ist seit 2007 im Vorstand des Österreichischen Verkehrsbüros für Touristik zuständig. Zuvor war er Vorstandsdirektor der Ruefa Reisen AG, die im Herbst 2004 vom Verkehrsbüro übernommen wurde.
  • Viele Wege führen den Urlauber von heute an sein Reiseziel: "Heute kauft er im Supermarkt, morgen bucht er im Reisebüro", sagt Martin Bachlechner. Das Verkehrsbüro fährt daher auf beiden Vertriebsschienen.
    foto: standard/christian fischer

    Viele Wege führen den Urlauber von heute an sein Reiseziel: "Heute kauft er im Supermarkt, morgen bucht er im Reisebüro", sagt Martin Bachlechner. Das Verkehrsbüro fährt daher auf beiden Vertriebsschienen.

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