Aus der Balance

3. Juni 2007, 20:01
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Die Ursachen für Schwindel sind vielfältig und vergehen oft wieder von alleine - Eine richtige Behandlung ist mitunter schwierig

Der sechste Sinn des Menschen ist das Gleichgewichtsgefühl. Es wird uns dann bewusst, wenn es gestört ist. "Die Patienten stehen manchmal Todesängste durch", sagt Martin Burian, Leiter der HNO-Ambulanz am Wiener AKH. "Ihnen fehlt jegliche Orientierung im Raum, sie können sich nicht auf den Beinen halten, müssen immer wieder erbrechen." Während die Betroffenen ziemlich beschäftigt sind, bleibt für die Ärzte wenig zu tun.

Die Diagnose

Häufig eindeutig: Das Gleichgewichtsorgan, im Ohr untergebracht, ist schwer gestört. Die Behandlung? Ruhe und vielleicht Schlafmittel, meist verschwindet der Zustand dann wieder. Selbst wenn das Gleichgewichtsorgan bleibenden Schaden erlitten haben sollte, lernt der Mensch, sich mit den verbleibenden Sinnesorganen und dem Gleichgewichtsorgan im anderen Ohr zu orientieren.

Viele leiden unter Schwindel

Solch dramatische Episoden von Gleichgewichtsverlust sind freilich selten, mildere Formen von Schwindel dagegen weit verbreitet. Im Ranking der Beschwerden, die Menschen zum Arzt treiben, stehen Gleichgewichtsstörungen an zweiter Stelle. Ein Drittel aller über 65-Jähriger leidet darunter.

Vielfältige Ursachen

Die Ursachen dafür sind mitunter schwer zu finden. Das Gleichgewichtsgefühl des Menschen wird nämlich nicht nur von den Organen im Ohr bestimmt. Um sich in den drei Dimensionen zu orientieren, analysiert das Gehirn auch Wahrnehmungen der Augen sowie Signale von Rezeptoren in Muskeln und Gelenken. Die geben Auskunft darüber, in welchem Winkel Gliedmaßen zueinander stehen und ob ein Mensch auf einer schrägen oder einer ebenen Fläche steht.

Kreislaufprobleme

Weil also viele Faktoren zum Gleichgewichtsgefühl beitragen, kennen Experten bis zu 300 mögliche Ursachen für Schwindelgefühle. Den meisten Menschen nehmen Kreislaufprobleme das Gefühl, festen Boden unter den Füßen zu haben.

Schwarz vor Augen

Jeder kennt das: am Boden gesessen, rasch aufgestanden - schon scheint die Welt ringsum zu schwanken. Grund dafür ist ein rapider Abfall des Blutdrucks, der zu einer plötzlichen Minderdurchblutung im Gehirn führt. Ähnliches passiert auch Menschen die unter starken Blutdruckschwankungen leiden.

Verspannter Nacken

Eine weitere Möglichkeit: Das Problem sitzt im Nacken. "Wer 40 Jahre lang einen sitzenden Beruf ausübt, kann chronische Muskelverspannungen entwickeln oder Abnutzungen in der Halswirbelsäule erleiden", so Experte Burian. Hier helfen physikalische Therapien, Manualtherapien oder Haltungstraining.

Gleichgewichtsorgane im Ohr

Können die Ärzte all das als Schwindelverursacher ausschließen, bleiben noch die Gleichgewichtsorgane in den Ohren. Diese - maßgeblich vom Österreicher Robert Bárány erforschten - Sensoren sitzen im Innenohr und bestehen aus den Otolithenorganen und den so genannten Bogengängen.

Die Otholitenorgane werden aus kleinen, auf Sinneshärchen aufsitzenden Kristallen gebildet, welche die Bewegungen unseres Körpers in der waagrechten und in der senkrechten Ebene messen. Teile dieses Systems sind mit Lymphflüssigkeit gefüllt.

Lage des Kopfes im Raum

Jede Bewegung des Kopfes führt auch zu einer Bewegung der Lymphflüssigkeit, welche wiederum die kleinen Kristalle und Sinneshärchen bewegt. Hochsensible Nervenenden, die mit diesen Sinneshärchen in Verbindung stehen, registrieren das und melden ans Gehirn, das aus diesen Signalen die Lage des Kopfes im Raum sowie Beschleunigungen errechnen kann.

Falsche Reize

Eine Fehlerquelle sind die Otolithen. Löst sich ein Otolith von seiner Unterlage und gelangt an eine andere Stelle des Gleichgewichtsorgans, werden falsche Reize ausgelöst und verwirrende Signale ans Gehirn gesendet. Zur Behandlung drehen Ärzte mit einem sorgfältig choreografierten "Befreiungsmanöver" den Kopf des Patienten rasch nach hinten und zur Seite, sodass der Otolith seinen falschen Platz verlässt. Gelingt das Manöver, ist der Patient sofort beschwerdefrei.

Morbus Menière

Von Morbus Menière sprechen Mediziner, wenn neben einem starken Drehschwindelanfall gleichzeitig eine vorübergehende Hörstörung und ein Ohrgeräusch auftreten. Der Anfall dauert meist nur Stunden, die Betroffenen leiden aber sehr unter Drehschwindel und Übelkeit. "Ursache ist hier unter anderem ein Überdruck der Innenohrflüssigkeit", sagt Martin Burian. Als Therapie stehen heute Medikamente und in manchen Fällen kleine operative Eingriffe zur Verfügung. Die Durchtrennung der Nerven, die aus dem betroffenen Ohr verfälschte Gleichgewichtssignale senden, ist heute nur mehr selten nötig.
(Gottfried Derka/DER STANDARD/04.06.2007)

  • Wenn die Welt ins Schwanken gerät: Gleichgewichtsstörungen können mehr als 300 Ursachen haben.
    grafik: uni bochum

    Wenn die Welt ins Schwanken gerät: Gleichgewichtsstörungen können mehr als 300 Ursachen haben.

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