Güldernes Flügerlchen

7. Juni 2007, 17:00
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Die Honda Gold Wing hat viele Knöpfe – Guido Gluschitsch hat sie alle gedrückt und musste gar auf männlich machen

Honda Gold Wing. Abfahrbereit zum Testen. Ganze drei Kilometer auf der Uhr steht sie am Hauptständer vor mir. Ich blicke auf unzählige Knöpfe und denk mir: "Ist auch nur ein Motorrad".

Das Handbuch sei im Topcase, erklärt man mir noch, oder ich solle anrufen, wenn ich was brauche. Eh klar. Seit wann fragen Männer bei technischem Spielzeug, wie es funktioniert? Und was bitte soll ein Handbuch sein? Pah! Stunden später werde ich es dann doch in der Hand haben. Nein, in beiden Händen. Denn "Buch" als Oberbegriff für das Machwerk, das den Umgang mit der Gold Wing beschreibt, stimmt.

Ich steck den Schlüssel ins Schloss, starte den Sechs-Zylinder. Gleichzeitig begrüßt mich das große Farbdisplay, das dem Radio und dem Navigationssystem als visueller Kommunikationsknotenpunkt zur Außenwelt dient. Fürs Akustische sind ordentliche Lautsprecher verbaut. Zwei vorne, zwei hinten. Radio Niederösterreich findet gleich meine Ohren.

Rückwärts rolle ich die Gold Wing unter einigen Mühen – aber mit weit weniger Anstrengung als erwartet – aus der Honda-Garage. Ja, klar hat sie einen Retourgang. Aber den im Knöpfemeer auf Anhieb finden? Der Herausforderung will ich mich noch nicht stellen. Aber die Gold Wing zeigt gleich, was sie kann. Nämlich Radio spielen, sechs Zylinder blubbern lassen und 417 kg mit Airbag und Navi auf die Erde drücken. Ka Bemmerl. Und ich freu mich schon aufs Fahren. Ich hab ja eh einen Lkw-Führerschein.

Was dann beim Losrollen passiert, übersteigt meine Vorstellungskraft. Das Motorrad lässt sich wahrhaftig fahren. Und für die enormen Ausmaße – die ja weniger an ein Motorrad erinnern als an einen Campingbus – sogar extrem einfach. Die Sitzposition ist für mich ein wenig gewöhnungsbedürftig. Das breite Polster über dem Sitzerl wärmt brav meine lädierten Bandscheiben. Ich fühl mich überhaupt ein bisserl wie am Sofa – nur dass dieses Sofa grad im fünften Gang, Overdrive, mit 130 Sachen über die Autobahn rollt, während mir die Wildecker Scherzbuberln ein Ständchen singen.

Abgestellt hab ich die Gold Wing dann am Seitenständer, weil den Knopf für den hydraulischen Hauptständer find ich in der Eile nicht. Zu Hause angekommen kenne ich aber bereits alle anderen Schalter. Sie sind selbsterklärend beschildert. Navi, Heizung Fahrer, Heizung Griffe, Heizung Beifahrer, Fußheizung, Radio, Bordcomputer, sogar den elektrischen Retourgang hab ich gefunden und gleich für zwei Runden in der Garage probiert. Allein den hydraulischen Hauptständer finde ich nicht.

Ich schleich mich zum Topcase und fange den Wälzer, auf dem "Bedienungsanleitung" drauf steht, heraus. Die anderen Bücheln – wie etwa das fürs Navi – lasse ich in der eigens dafür wohnlich eingerichteten Vertiefung liegen. So sitze ich in der Tiefgarage und suche den hydraulischen Hauptständer im Büchel. Einen Hauptständer hat sie.

Nach einer Stunde Lektüre lege ich die Bedienungsanleitung wieder weg. Nix gefunden. Also mache ich es auf männlich. Ich leg mich auf den Boden und inspizier das Teil einmal. Da ist er ja. Na, dann schauen wir einmal. Gefunden und dran herumgefingert. Das lässt sich ganz locker bewegen. Also, der Hydraulikzylinder scheint sonderbar zu sein.

Wie ich da so am Boden herumknotz, hab ich eine Erleuchtung. Ich weiß, warum im Handbuch nix vom hydraulischen Hauptständer steht. Es gibt gar keinen. Wenn man die Soziusfußplatte hochklappt, findet man einen ganz gewöhnlichen Hauptständer. Draufsteigen und Gold Wing abstellen? Bei über 400 Kilo? Wie soll das gehen? Sind deswegen ganz wenig so Gsteameln wie ich mit diesen Eisen unterwegs? Aber he! Es geht ganz locker. Hebelgesetze sind ja doch was Wunderbares.

Die Zeit auch. In dem Moment, in dem mich der Sulzi anruft, dass er da warat, damit wir ins Driving Camp Pachfurth fahren können, für ein paar Fotos, hab ich noch genau nix erledigt. Ich spring rauf in die Wohnung, zwäng mich in das schon wieder viel zu enge Rennleder. Der Sulzi verstaut inzwischen seine komplette Fotoausrüstung in einem der drei Koffer. Insgesamt könnte man ja drei oder vier Kameras und zehn Objektive in den 147 Litern Stauraum unterbringen.

>>>Flieg, Flügerl, flieg

Wir hechten über die Autobahn. Ein Heimspiel für die Gold Wing. 118 PS aus dem Sechs-Zylinder bedeuten, dass man beim Drehmoment nicht gespart hat: 167 Nm!!! Da geht schon ganz schön was weiter.

Die Autobahnfahrt ist extrem komfortabel. Kein störender Fahrtwind, keine Stöße von der Fahrbahn, kein Ruckeln im Fahrwerk. Ja, es ist ein bisserl wie Autofahren. Nur dass man trotzdem extrem wendig ist. Sulzis Eisen ist natürlich weniger breit als die Gold Wing, doch mit beiden ist es ein Leichtes, sich durch die Kolonnen zu mogeln.

Der teilweise recht enge Handlingparcours im Driving Camp Pachfurth hätte für die Gold Wing mit ihrem Radstand von 1690 mm eine außerordentliche Herausforderung darstellen sollen. War er dann aber gar nicht. Enge Kurven kann man ohne großen Nervenkitzel recht flott nehmen. Alleine die Trittbretter kratzen recht früh am Boden. Wenn man dann aber nicht kneift und weiter umlegt, dann klappen die Dinger auch ein und man kann noch mehr Schräglage fahren. Das Fahren von Schräglagen macht mit dem Goldflügerl Spaß, wie das Fahren überhaupt.

Zum einen hat sie einen gewaltigen Antritt, zum anderen hat man den Sexzylindersound am Radl auch nicht alle Tage. Das Fahrwerk ist zwar auf der kommoden Seite daheim, dass es der 45-mm-Teleskopgabel mit AntiDive aber an irgendwas fehlen würde, wäre mir nicht aufgefallen. Weder bei Bodenwellen noch wenn das serienmäßige ABS zum Dienst antritt, fühle ich mich unsicher. Die Bremsen sind sowieso ordentlich. Müssen sie auch sein, bei dem Gewicht. Honda verbaut aber eh ganz brav CBS, das kombinierende Bremssystem, und ABS.

Was den Airbag angeht, da kann ich jetzt auch nicht viel mehr berichten als ich bei Recherchen gefunden habe. ÖAMTC und ADAC haben die Gummiblase ja getestet. Sehr erfolgreich. Mir hat man nahe gelegt, dies nicht zu tun. Jedenfalls bietet Honda mit der Gold Wing das derzeit sicherste Motorrad am Markt. ABS und Airbag sind Lebensretter, wie wir aus dem Auto schon wissen.

Dass Gold Wing-Fahren auch noch Spaß macht, das kann man wohl eher schlecht erzählen, das muss man erfahren. Es ist anders, aber es ist lustig. Und wie ich drauf gekommen bin: Über die Gold Wing reden nur jene schlecht, die sie nie gefahren sind. (Text: Guido Gluschitsch, Fotos: Martin Sulzbacher, derStandard.at, 7.6.2007)

Guido Gluschitsch ist Redakteur beim MotorradMagazin.

Honda Gold Wing

Preis: EUR 30.000,-
Aufpreis Navi + Airbag: EUR 4.000,-

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Sechszylinder-Viertakt-Boxermotor, SOHC, 12 Ventile, geregelter Katalysator. Hubraum 1832 cm³, Leistung 87 kW (118 PS) bei 5500/min, 167 Nm bei 4000/min. E-Starter. Getriebe: 5-Gang inkl. Overdrive, elektr. Rückwärtsgang. Kardanantrieb. Fahrwerk: 45 mm Teleskopgabel mit Antidive vorne, Alu-Einarmschwinge hinten. Bremsen: Zwei Scheiben vorne, eine hinten. ABS. Trockengewicht: 381 kg (mit Navi), Sitzhöhe: 740 mm. Tank 25 l.

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Honda

  • Sucht Ständer, findet Raum: Guido Gluschitsch in den Tiefen der Honda Gold Wing.
    foto: sulzbacher

    Sucht Ständer, findet Raum: Guido Gluschitsch in den Tiefen der Honda Gold Wing.

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