Krimischiene: Kranke Gehirne,...

12. Juni 2007, 12:34
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Antike Höhlen, Fatale Symbiose und zwei Schauplätze: Krimis von Claus C. Fischers, Burkhard Driest, Alexander Häusser und Petros Markaris

KRANKE GEHIRNE Gut, der Titel Und vergib uns unsere Schuld (€ 20,60, Ehrenwirth ) ist für einen Krimi etwas pathetisch. Dahinter verbirgt sich aber Claus C. Fischers packend geschriebener Text, in dem es nicht nur um ein bizarres Verbrechen geht, sondern um unterschiedliche Moralvorstellungen differierender Kulturen. Am Abend nach den Feiern zum "Königinnentag" wird in einem Amsterdamer Park die Leiche eins Jungen gefunden, dem jemand das Gehirn entfernt hat. Der einzelgängerische, jedoch wegen seiner Erfolge populäre Commissaris Bruno van Leeuwen gerät in eine Lebenskrise. Seine Frau Simone dämmert unaufhaltsam der schwarzen Erinnerungslosigkeit der Alzheimer-Krankheit entgegen. Als ein zweiter Junge massakriert wird, spitzt sich die Lage zu, und Bruno wagt einen nächtlichen Einbruch. Ein verdienter Kandidat für die Krimibestenliste!

ANTIKE HÖHLEN Lektüre für Ibiza-Urlauber: Der Schauspieler, Drehbuchautor und Schriftsteller Burkhard Driest setzt mit Brennende Schuld zum dritten Krimi mit seinem Ermittler Costas an (€ 9,20, Diana). Diesmal geht es um Leichenfunde in den Höhlungen unterhalb der jahrtausendealten Nekropolis, in der Archäologen zugange sind und mit ihren sensationellen Ausgrabungen profitable Grundstücksspekulationen verhindern. Es gibt aber auch schmutzige Geschäfte mit Medikamenten, gelegte Waldbrände und einen prominenten, aalglatten Inselpolitiker, den Costas verhaften lässt. Womit er seinen Job aufs Spiel setzt, die Freundin verliert und in einer Absinthorgie versinkt. Driest liefert neben einem netten Plot auch noch einen Crash-Kurs in Sachen Geschichte. Davon hat Ibiza genug. Wer die Karthager, die Römer und die Piraten überlebt, überdauert auch den Massentourismus.

FATALE SYMBIOSE Zwei Außenseiter werden von Mitschülern gemobbt. Sie können sich nur mit ihrem überlegenen Intellekt wehren; der manipulierende Karnstedt kann ebenso viele Verheerungen anrichten wie eine Horde pubertärer Rüpel. Seine fatale Symbiose mit Simon treibt auf einen emotional verwirrten Höhepunkt zu, als dieser sich in eine erwachsene Frau verliebt. Bei der Maturareise kulminieren die Rivalitäten, ein Schüler bleibt abgängig. Jahrzehnte nach dem Horror der Schulzeit leben die einstigen Freunde ihr eigenes Leben, bis einer der beiden verschwindet. Simon soll den Nachlass verwalten, so hat Karnstedt es gewünscht. Simon rekapituliert die Jugendzeit und enthüllt endlich die ganze Wahrheit. Alexander Häusser kommt uns anspruchsvoll. Karnstedt verschwindet (€ 16,50, Knaus ) ist ein Kammerspiel über die quälende Zeit des Erwachsenwerdens.

ZWEI SCHAUPLÄTZE Hochdramatisch beginnt der neueste Krimi des Griechen Petros Markaris. Sein grantiger Ich-Erzähler Kostas Charitos wird einer Zerreißprobe unterzogen. Kostas' Tochter Katerina freut sich auf einen Kurzurlaub. Da wird die Fähre nach Kreta, auf der sichKaterina befindet, von Terroristen entführt. Kostas muss in diesem psychischen Ausnahmezustand einen Fall in Athen aufklären, wo Menschen aus der Werbebranche erschossen werden. Während die Verhandlungen mit den Terroristen laufen, meldet sich der Mörder bei Charitos. Er will, dass in den Medien alle Werbespots eingestellt werden. In Der Großaktionär (Deutsch: Michaela Prinzinger, € 22,60, Diogenes) reißt Markaris viele Themen an, vom Zweiten Weltkrieg bis zur verdrängten Junta, vom alltäglichen Machismo bis zur wirtschaftlichen Abhängigkeit der Medien. Sein bislang bestes Buch. (Ingeborg Sperl/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.06.2007)

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    buchcover: knaus
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