Herrn Antons Atoll

8. Juni 2007, 17:00
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Die Eigenständigkeit der finnischen Provinz mit schwedischsprachiger Bevölkerung - Åland - wird auch von "Autonomiebehörden" wie Antons Café gelebt

Wenn wir etwas Warmes zu essen haben wollten, müssten wir in Antons Café gehen, meint die Verkäuferin im kleinen Laden in Karlby. Antons Café sei das einzige Lokal auf der Insel, das sei nicht weit, vielleicht zehn Kilometer, und leicht zu finden. Von wegen! Wir fahren zehn Kilometer, wir fahren zwanzig Kilometer, sind beinahe um die ganze Insel Kökar gekurvt, aber nirgends gibt es ein Hinweisschild, keine bunte Leuchtreklame.

Die paar Häuser die wir sehen, meist weitab von der Straße, sehen alle gleich aus, alle gleich unscheinbar und doch wieder anheimelnd. Rot gestrichene Holzhäuser sind es inmitten eines Blütenmeeres von goldenen Schlüsselblumen und schneeweißen Buschwindröschen. Natürlich hat unsere Suche irgendwann ein Ende, wir halten weitab von der Straße vor einem der roten Häuschen, an dem ein kleines Schild auf "Antons Gästgiveri" hinweist, auf Antons Gasthaus. Und bald sitzen wir vor einer mächtigen Portion frisch gefangenen Hechtes und fragen Anton, den Chef des Etablissements, warum er denn keinen deutlicheren Hinweis an der Straße angebracht habe. Anton kratzt sich den Kopf und meint, das sei doch nicht nötig, wer zu ihm wolle, der finde schon hin.

So wie die Suche nach Antons Gästgiveri auf der kleinen Insel Kökar gestaltet sich manches schwierig, verlangt manches persönliche Reisegestaltung und Improvisationstalent auf den Alandinseln. Das gilt nicht nur für Kökar, der am weitesten draußen zur offenen Ostsee hin gelegenen Insel des Archipels. Die Alandinseln, finnisch Ahvenanmaa, die im Mittelalter für die Seefahrer auf dem Weg von Norddeutschland nach Russland eine feste und bekannte Größe waren, führen verglichen mit anderen skandinavischen Zielen heute immer noch ein touristisches Schattendasein.

Der große Fremdenverkehr hat dieses Inselreich der 6500 Inseln halbwegs zwischen Finnland und Schweden bislang noch nicht erreicht. Folglich sind die rund 25.000 Åländer, auf deren Inselstraßen im Frühjahr die Auerhähne unbekümmert balzen, noch nicht gezwungen, sich der in etablierten Fremdenverkehrsregionen üblichen Perfektion zu befleißigen.

Sommerstützpunkt

Für die Handelsschiffe der Hanse waren die Inseln wichtige Stützpunkte. Manche Kirche ist damals als Seefahrerkirche gebaut worden, da sie nur im Sommer benutzt wurde ohne Dach. Noch heute trägt der abseits der Kirche von Kökar in den Klippen stehende Kirchturm ein Orientierungsfeuer für die Schifffahrt.

Die Inseln, deren rein schwedischsprachige Bevölkerung politisch zu Finnland gehört, sind dennoch gut zu erreichen. Von Helsinki, Turku und Stockholm aus gibt es Flugverbindungen zur Inselhauptstadt Mariehamn, und der Blick aus der Luft auf die von Tausenden von Inselchen, Schären, Holmen und Klippen übersäte Ostsee erinnert an einen Fleckerlteppich. Doch den besten Eindruck von dieser verwirrenden Inselvielfalt bekommt man vom Schiff aus. Da geht es durch Passagen, die mitunter so eng sind, dass man glaubt den "Insulanern" das Frühstück vom Tisch nehmen zu können.

Mariehamn wirkt wie eine etwas zu groß geratene Schrebergartenkolonie, gibt sich spielzeughaft: ein paar Hotels, ein paar Geschäfte, Kaufhäuser, ein paar Konsulate, darunter ein russisches, und natürlich der "Självstyrelsegarden", das Gebäude der åländischen Autonomie und ein großes Ålandmuseum. Natürlich haben die Ålandinseln auch eine eigene Flagge, auf blauem Grund trägt sie ein gelb gerandetes rotes Kreuz. Und die wenigen Kraftfahrzeuge bekamen ein eigenes internationales Kennzeichen.

Vorrangig kostenlos

Ferien auf den Ålandinseln bedeutet naturnaher Urlaub, vor allem auf dem Wasser. Dabei sind die Schiffspassagen zwischen den Inseln für Personen sogar kostenlos, doch bei den Autofähren haben Autos mit åländischen Kennzeichen immer Vorrang. Touristen, die mit dem eigenen Wagen die Ålandinseln erkunden wollen, sollten sich das besser merken.

Schon bei der Fahrt mit dem Fährschiff, die Stunden dauern kann, wie die Passage von Langnäs nach Kökar, bekommen wir eindrucksvoll åländisches Leben vor Augen geführt. Wir gleiten an nackten Granitinselchen vorbei, vor denen Eiderenten auf dem Wasser schaukeln, an kleinen Holmen entlang, auf denen nur das einsame Gehöft des Leuchtturmwärters steht. Dann legt das Schiff in Sotunga an, der Insel, die sich mit der kleinsten politisch selbstständigen Gemeinde Finnlands deckt. Eine Brücke, ein kleiner roter Holzschuppen, auf dem der Inselname aufgemalt ist, ein paar Autos, die mitgenommen werden wollen. Kinder hocken auf dem Anleger und angeln, verfüttern die kleinen Strömlinge, die sie aus dem Wasser ziehen, sogleich an die Katze, die erwartungsvoll neben ihnen sitzt.

Nicht nur auf dem Wasser, auch auf dem festen Boden, auf Campingplätzen oder in Ferienhäusern ist Ålandurlaub naturnah, eine Steigerung der Übernachtungszahlen stößt hier auf natürliche Grenzen. Zum Glück, mögen Ålandkenner sagen. Immerhin listen renommierte Campingführer nur eine Handvoll Plätze auf den Inseln, bei denen die Warmwasserversorgung etwa darin besteht, dass man mit dem Eimer aus einem holzbefeuerten großen Kessel schöpfen muss. Auch die großen Ferienhausvermieter haben nicht viele Häuschen in Ihrem Angebot, weisen vielfach ein wenig verklausuliert darauf hin, dass die Häuser einfach sind.

Noch sind die Ålandinseln eine Laune der Natur, um derentwillen der Besucher so manche kleine Unzulänglichkeit gerne in Kauf nimmt. Man sollte wohl nach Kökar reisen, ehe Anton sein neues Schild aufstellt, denn vor der einen und der anderen Bar kann man bereits jetzt ein "Bikers Welcome!" von verheißungsvollen Neonbuchstaben ablesen. Was bei 900 Straßenkilometern und ungefähr dreimal so vielen Kurven aber irgendwie auch verständlich ist. (Christoph Wendt/Der Standard/Printausgabe/2./3.6.2007)

  • Das Museumsschiff "Pommern".
    foto: visitaland.com

    Das Museumsschiff "Pommern".

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